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Vortragstätigkeit                                    Einige gehaltene Referate

Zu folgenden Themenkreisen stelle ich mich als Referent zur Verfügung:

1   Intelligenz und Musik (der Titel könnte auch lauten: "Bessere Bildung mit mehr Musik" oder "Musik und Intelligenz" oder "Die Musik im Zentrum der menschlichen Anlagen".

2   Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht

3   Atem und Stimme ("Erfolgreich und ermüdungsfrei sprechen"; "Atmen, Sprechen, Singen, Bewegen")

4    Vom Ursprung der Musik, der Sprache, des Menschen

Honorar und Spesen nach Vereinbarung.

Einige gehaltene Referate

Bessere Bildung mit mehr Musik

Die Bodenfrage in der Schweiz

Atem und Artikulation beim Singen

(Referat Ernst Waldemar Weber vor der Association des Professeurs de Chant Suisse APCS)

Der Atem ist immer beteiligt, wenn wir sprechen oder singen: beim Ausatmen erzeugt die Luft an bestimmten Artikulationsstellen Schallschwingungen. Auf diese Weise ist jede Phonation eingebettet in den Rhythmus des natürlichen Atems.

Für professionelles Singen wäre deshalb die Kenntnis der Atemvorgänge eine selbstverständliche und grundlegende Voraussetzung. Aber leider wissen viele Sängerinnen und Sänger darüber kaum Bescheid, und sogar Gesangslehrer haben oft vom Atem nur sehr vage – oder, was noch schlimmer ist – falsche Vorstellungen. Weit verbreitet ist beispielsweise die irrige Meinung, je mehr Luft man einatme, umso länger halte der Atem. Dabei wird ausser Acht gelassen, dass auch zuviel Luft zu Atemnot führen kann. Viel wichtiger wäre der sparsame Gebrauch der Ausatemluft; aber das will gelernt sein.

Unser Hauptatemmuskel: das Zwerchfell

Der natürliche automatische Atemrhythmus läuft in zwei asymmetrischen Phasen ab: die zuerst kräftige Ausatmung wird schwächer und flacher, bis unwiderstehlich die Einatmung einsetzt, die dann ohne Übergang in die Ausatmung mündet. Die Einatmung wird bewirkt durch unsern Haupt-Atemmuskel, das Zwerchfell. Dieses liegt, wie sein Name sagt, quer im Körper, zwischen dem Brustraum mit den Zirkulationsorganen Lunge und Herz und dem Bauchraum mit den Verdauungs- und Fortpflanzungsorganen. Das Zwerchfell ist aber im Unterschied etwa zum Brustfell nicht etwa ein Fell, eine Haut, sondern ein Muskel, und zwar sogar einer unserer stärksten und wichtigsten. Es ist am vorderen Rippenbogen angewachsen, wölbt sich als eine Art Platte nach hinten und senkt sich entlang der Rückenmuskulatur gegen das Becken, wo es in zwei kräftigen Schenkeln ausläuft und durch dicke Sehnen verankert ist.

Wenn sich dieser Muskel spannt (wenn er tonisiert wird), dann wird er wie jeder andere Muskel kürzer und dicker. Seiner Form wegen senkt sich die obere Begrenzung des Zwerchfells (in der Grössenordnung von zwei Rippenabständen), die Lunge wird heruntergezogen, es entsteht in ihr ein Unterdruck, und die Luft strömt ein. (Gleichzeitig sorgen die Zwischenrippenmuskeln und ein Teil der Rückenmuskeln für eine Weitung des Brustkorbes und der Flanken. Da diese Vorgänge mit der Aktivität des Zwerchfells gekoppelt sind, spreche ich im folgenden der Einfachheit halber immer nur vom Zwerchfell.) Es ist wichtig zu wissen, dass das Zwerchfell nur bei der Einatmung aktiv ist. Bei der Ausatmung ist es passiv und steigt durch die Elastizität der Bauchorgane und die Kraft der Bauch- und Rückenmuskeln wieder auf.

Haltung und Bewegung

Auf zwei Zusammenhänge möchte ich besonders hinweisen: Das Zwerchfell ist mit seinen Schenkeln verflochten in die Haltemuskulatur des Rumpfes, und deshalb hat unsere Haltung auch immer etwas mit dem Zwerchfell zu tun. Eine gute, aufrechte Haltung fällt uns leichter mit einem gut trainierten Zwerchfell. Andererseits wird die Atmung und die Sprech- und Singleistung durch eine schlechte Haltung (Hohlkreuz, Buckel, vorgestreckter Kopf, das heisst Knick im Nacken) stark beeinträchtigt: ein Hohlkreuz zwingt das Zwerchfell dazu, gewissermassen 'um die Ecke' zu greifen, der Buckel verringert den Brustraum, und der Nackenknick der Wirbelsäule drückt von hinten über die Speiseröhre auf die Luftröhre genau dort, wo auf ihr der Kehlkopf sitzt ...

Jede grössere Bewegung löst eine automatische, unbewusste (und geräuschlose) Einatmung aus. (Das kann man selber ausprobieren und erfahren, wenn man aufsteht und dabei nicht zulässt, dass die Luft einströmt.) Es ist auch klar, warum es so sein muss: Jede Bewegung braucht Energie, und diese wird aus der Verbrennung von Blutzucker gewonnen; dafür braucht es aber auch Sauerstoff, und dieser wird durch Senken des Zwerchfells und die dadurch ausgeIöste Einatmung hereingeholt. Erstaunlich ist nun, dass auch kleine Bewegungen oder eine erhöhte Aufmerksamkeit und Wachheit (wie bei einem sichernden, fluchtbereiten Wild) sofort zu einer Inspiration führen. Die alte, von Brecht formulierte Schauspielerregel: 'Der Gestus soll dem Wort vorausgehen' wird von hier aus verständlich. Dabei darf getrost auch an die übertragene Bedeutung dieses Wortes gedacht werden. Wer sich einem Partner zuwendet, kann die Inspiration sogar noch verstärkt erfahren, weil der Partner dadurch selber inspiriert wird und die Zuwendung so zurückstrahlt. Wenn es mir als Sänger gelingt, mein Publikum durch meine Ausstrahlung 'anzuzünden', dann werde ich dadurch dauernd 'inspiriert' durch das Publikum, und das heisst, dass mein Zwerchfell auch während des Singens die Tendenz hat, sich zu senken. Diese Wirkung ist von grosser Bedeutung.

Die inspiratorische Gegenspannung

Das System 'Lunge-Bronchien-Luftröhre mit aufgesetztem Kehlkopf' ist nirgends angewachsen: es ist am Kehlkopf nach oben und unten 'aufgehängt' an einem Netz von Muskeln und Sehnen. Wenn sich nun das Zwerchfell senkt und dadurch die Lunge herunterzieht, betrifft das auch die Luftröhre mit dem Kehlkopf. Durch diese Tiefstellung des Kehlkopfs wird der Nasen-Rachenraum – das sogenannte Ansatzrohr über den Stimmlippen – grösser und weiter, und die Stimme tönt runder und etwas dunkler. Das ist eine erfreuliche Nebenwirkung; aber noch wichtiger ist die inspiratorische Gegenspannung, die uns ermöglicht, den Luftstrom zu dosieren.

Wir wissen alle, dass der Ton umso schöner wird, je weniger Luft er braucht. Ebenso gut wissen wir, dass es nichts taugt, die Kehle zuzuschnüren, um die Luft zu bremsen. Um die Phonationsluft zu dosieren, gibt es nur ein Mittel: ein starkes, beim Singen auf Inspirationsspannung bleibendes und damit die Ausatemluft zügeIndes Zwerchfell. Genau das ist es nämlich, was unter dem verwirrlichen Begriff 'Stützen' zu verstehen ist. Italienisch heisst es richtiger 'Appoggio', und appoggiare bedeutet 'anlehnen', an eine 'innere Stuhllehne', wie das Schlaffhorst-Andersen genannt hat. Wenn wir 'vom Rücken her' singen, dann ist der besonders starke Rückenteil des Zwerchfells aktiv.

Zwerchfelltraining

Wie aber gelangt man zu einem starken, gut trainierten Zwerchfell? Zwar ist das Zwerchfell ein quergestreifter Muskel, aber trotzdem ist es dem Willen nicht unterworfen wie etwa der Beuger des kleinen Fingers. Gesangspädagogen früherer Zeiten wählten den Weg über die Stärkung der im Bereich des Zwerchfells liegenden Bauch- und Rückenmuskulatur. So habe ich selber vor einigen Jahren im Fernsehen gesehen, wie der Pantomime Samy Molcho bei einem ehemaligen Heldenbariton der Wiener Staatsoper singen lernte: er musste zum Singen auf den Rücken liegen, und der Lehrer, ein kleiner, aber beleibter Mann, stellte sich auf seinen Bauch. Es mag sein, dass Schüler, die bei solchen Brachial-Methoden nicht zugrunde gehen, dann zu grossen Stimmen kommen. Aber mit Sicherheit haben sie Mühe, piano zu singen, weil ihr Zwerchfell zwar stark, aber überhaupt nicht flexibel ist, und mit grosser Sicherheit geht ihre Karriere früh zu Ende. (Sie fangen dann an, zu unterrichten.)

Ich kenne zwei bessere, einander ergänzende Wege: Den einen hat mir meine verehrte Lehrerin Hilde Langer-Rühl gewiesen: Er führt über atemgymnastische und ausgleichende Haltungs-Übungen, besonders für die Lendenwirbelsäule, zur Arbeit am Rücken beim Singen im sogenannten Schwingeschlauch. Der andere Weg führt über die Artikulation; ihn zu kennen verdanke ich Horst Coblenzer.

Schule der Artikulation

Ich habe bereits davon gesprochen, dass die Phonation an bestimmten Stellen erfolgt. An den Artikulationsstellen (1) Lippen, (2) Zähne, (3) Gaumen und (4) Stimmritze wird die Luft entweder gebremst, gestoppt und explosiv entlassen oder zum Klingen gebracht. So entstehen durch Bremsung die Reibelaute f und w (1), s, sch, l und r (2), die beiden ch (3) und das h (4), durch Stoppen und Lösen die Explosivlaute b und p (1), d und t (2), g und k (3) und die Vokale (4), und schliesslich durch den Einsatz der Nase die Klinger m (1 ), n (2), (3) ng und die Nasale (4). Unter den Reibelauten gibt es die Halbklinger w (=stimmhaftes f), das stimmhafte s, das j (= stimmhaftes sch), das l, das r und das Rachen-r (=stimmhaftes Rachen-ch). Das p ist ein aspiriertes b, das t ein aspiriertes d und das k ein aspiriertes g. Durch diese Übungen werden die einzelnen Konsonanten auch im Blick auf ihre spätere Einbettung im Text geübt. Für Sänger ist es wichtig zu wissen, dass die Konsonanten der dritten Artikulationsstelle (mit Ausnahme des a-ch), also das g, das k, das ng und das i-ch, durchaus weit vorne, sogar direkt hinter den Zähnen, artikuliert werden können.

Das 'Abspannen'

In allen Fällen entsteht an der entsprechenden Stelle ein Spannungszustand, die sogenannte Artikulationsspannung, bei deren Lösung (wenn sie rasch erfolgt) das Zwerchfell reflexartig tonisiert wird. Wenn ich also eine Reihe von 'sch' spreche und jedes Mal abrupt abbreche, schnellt mein Zwerchfell jedes Mal abwärts und bewirkt so die rasche Ergänzung der verbrauchten Luft. Das könnte ich stundenlang fortsetzen, ohne je 'atmen' zu müssen, weil die Luftergänzung automatisch, absolut ohne mein Zutun und deshalb mühelos (und zudem völlig geräuschlos) erfolgt. Coblenzer nennt diesen Vorgang 'Abspannen', wobei klar sein muss, dass damit kein 'relaxing' gemeint ist; 'Spannlösen' wäre vielleicht der bessere Ausdruck. Irgendwie ist es ja paradox: Das plötzliche Loslassen der Artikulationsspannung hat ein intensives Spannen des Zwerchfells zur Folge.

Bei einem trainierten Zwerchfell läuft dieser „Reflex" in einer Fünftelsekunde ab, und er kann auch bei allen andern Konsonanten und bei den Vokalen erlernt werden. Das lasse ich systematisch üben, zuerst an den einzelnen Konsonanten und Vokalen dann in Vierergruppen von einsilbigen Wörtern mit Abspannen auf dem Schlusskonsonanten. Später kommen mehrsilbige Wörter dazu und kleine Satze. Auf Vokalen spannen wir singend ab, zuerst einzeltonweise, dann nach kleinen Sequenzen oder ganzen Tonleitern.

Das Zwerchfell wird durch diese Übungen ganz schön gefordert; es kann vorkommen, dass es plötzlich – wie ein Pferd vor dem Hindernis – refüsiert, und wir ihm einige Minuten Ruhe gönnen müssen. Es kann sich im Anfang auch eine neue Art von harmlosem Bauchweh einstellen: der Muskelkater des Zwerchfells. Mit zunehmender Übung wird es möglich, nicht nur bei abruptem, sondern auch leichtem Lösen der Artikulationsspannung sauber abzuspannen. Während die oben dargestellten theoretischen Grundlagen ohne weiteres einsichtig sind, weil sie unmittelbar am eigenen Körper erfahren werden können, braucht das Training einige Zeit, und es sollte hie und da kontrolliert werden. Dann aber wird unser Zwerchfell zu einem prallen, aber höchst flexiblen Muskel, wie ich das in Röntgenvideos sehr schön zeigen kann. Jetzt ist es auch in der Lage, die oben beschriebene Zügelfunktion zu erfüllen.

Bewegung und Bewegtheit

Unser Leben ausserhalb des Mutterleibs hat mit dem ersten Senken des Zwerchfells (und mit dem damit verbundenen kleinen Schrei, dem primo clamax) begonnen, und mit dem letzten Hochstellen des Zwerchfells werden wir es dereinst aushauchen. Dazwischen versieht das Zwerchfell seinen Dienst, ohne den wir nicht leben könnten. Das Zwerchfell ist aber nicht nur beim Atmen und bei jeder Bewegung des Körpers aktiv, es ist auch eingespannt in unsere innere Bewegtheit. Bei einem Lach- oder Weinkrampf, also bei den Extremen der Emotion, wird uns seine Existenz deutlich bewusst. Des Zwerchfells wegen schlägt sich jede Emotion in der Stimme nieder. Vielleicht war aus diesen Gründen bei Homer der Sitz des Denkens und Fühlens im Zwerchfell angesiedelt: dort wohnten sowohl der Grimm des Achill wie die List des Odysseus. Das griechische Verb 'phronein' ('zwerchfellen') bedeutet 'denken', 'sophrosyne' (Besonnenheit) heisst eigentlich 'heiles Zwerchfell'.

Nach diesem kleinen Exkurs möchte ich mich noch kurz der Aufgabe zuwenden, die neuen Fähigkeiten auf. das Singen zu übertragen. Wer das Abspannen beherrscht, sollte nun Lieder und Arien singen können, ohne je hörbar zu atmen. Auch vor dem ersten Einsatz ist das nicht mehr nötig: es genügt, sich aufzurichten, sich dem Dirigenten, dem Publikum oder den Noten zuzuwenden, um für die erste Phrase genügend Luft zu bekommen. Solches Atmen ist nicht nur viel schöner, sondern auch ökonomischer: beim hässlichen Einschnaufen muss ja der ganze Apparat vor dem Einsatz noch rasch von Schnaufen auf Singen umgestellt werden....

Durch die beschriebenen Übungen ist die Artikulationsprägnanz erhöht worden, was die Diktion, den Vordersitz und die Platzierung der Vokale entscheidend verbessert. Auch die verbreitete Unart des nicht tongenauen Ansingens von Klingern und Halbklingern kann jetzt bearbeitet werden. Nahtstellen mit wenig Zeit zum Abspannen müssen oft zuerst sprechend und später singend vorausgeübt werden.

Zum Schluss sei bemerkt, dass ich meine Arbeit keinesfalls als Gesangsmethode verstehe, sondern unabhängig von jeder Richtung als Grundlage, aber auch als Hilfe und Ergänzung.

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Bessere Bildung mit mehr Musik

Referat Ernst Waldemar Weber an der Tagung der KMA am 20. Januar 2007 in Aarau

Die Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht

1972/73 und 1974 bis 79 führte ich, angeregt durch Berichte aus Ungarn, in Muri bei Bern Pilotversuche mit erweitertem Musikunterricht durch. Die drei Hauptfächer Mathematik, Deutsch und Französisch wurden um je eine Wochenlektion gekürzt, die drei gewonnenen Lektionen der Musik zugeschlagen. Das erste Versuchsjahr war ein voller Erfolg: Die Klasse war äusserst lebhaft, die Kollegen waren bald des Lobes voll, und es ergaben sich auch in den Fächern mit reduziertem Pensum – im Vergleich mit den „normalen" Parallelklassen – sogar bessere Leistungen. Das Wagnis hatte sich gelohnt, und deshalb durfte ich im übernächsten Schuljahr mit unveränderten Bedingungen einen neuen fünfjährigen Schulversuch vom 5. bis zum 9. Schuljahr starten.

Im Zentrum dieser Arbeit stand das Singen: Wir lernten viele Lieder, auch fremdsprachige und sangen sie meist auswendig. Wir hörten Musik aus allen Epochen und aus der ganzen Welt, besprachen sie, zeichneten sie, tanzten danach. Mit den wenigen vorhandenen Instrumenten und dem Orff-Instrumentarium machten wir selber Musik. Und natürlich lernten wir die musikalische Elementartheorie, ausgehend vom Blatt lesen, Melodien aufschreiben, Harmonien hören und singen. Einen grossen Anteil zur Steigerung der Lebensfreude hatte bei mir der Tanz. Vielfach waren es Kreistänze oder Squares. Neben der Freude an der Bewegung ist hier auch das Gemeinschaftserlebnis wichtig. In einem Gruppentanz muss jedes alles richtig machen, sonst klappt es nicht. Und manchmal sind die Abläufe doch recht anspruchsvoll und verlangen und fördern ein gutes Raum-Vorstellungsvermögen.

Die Ergebnisse dieses Schulversuchs waren hoch erfreulich: Die Singklasse war eine sehr angenehme Klasse mit 26 fröhlichen, arbeitsamen und selbstbewussten Schülerinnen und Schülern. Im Leistungsvergleich mit den drei Parallelklassen waren sie an der Spitze, und nach dem neunten Schuljahr traten 14 von ihnen in eine höhere Schule (Gymnasium, Wirtschaftsmittelschule, Kindergärtnerinnen- und Lehrerseminar) über, was weit über den normalen Erwartungen lag. Ich verfasste einen ausführlichen Bericht, hielt Vorträge und schrieb Artikel. Dabei schlug ich vor, diese Ergebnisse nun wissenschaftlich nachzuprüfen.

Dieser Wunsch ging in Erfüllung, als der Schweizerische Nationalfonds mein Projekt „Bessere Bildung mit mehr Musik" bewilligte und zehn Kantone sich daran aktiv beteiligten (und weitere acht sowie Liechtenstein passiv). So konnten in den Jahren 1988 bis 1991 an 51 Schulklassen in der ganzen Schweiz Schulversuche nach dem Muster von Muri durchgeführt und wissenschaftlich begleitet werden. Es waren Klassen aller Stufen vom 1. bis zum 9. Schuljahr beteiligt.

Die These lautete: „Intensive Beschäftigung mit Musik (Singen, gemeinsames Musizieren und Tanzen sowie die Schulung des Notenlesens und des Musikhörens) fördert die Konzentrationsfähigkeit, das Gedächtnis und die sprachliche und allgemeine Ausdrucksfähigkeit und steigert die Lebensfreude, was sich auch auf die schulische Motivation auswirkt. Deshalb erwarten wir in allen Schulfächern, auch in denen mit reduziertem Pensum, normale oder sogar bessere Leistungen."

Die Ergebnisse zeigen, dass in den Versuchsklassen – trotz Reduktion der Lektionenzahl um 20 bis 25% in den drei Hauptfächern – in diesen keine Verluste auftraten, und dass sich die Ausdrucksfähigkeit, das Sozialklima und die Schulmotivation deutlich verbesserten. Die zitierte These konnte damit bestätigt werden.

Eines der herausragenden Ergebnisse war die Entwicklung der sozialen Kompetenz der Kinder, dokumentiert in den Soziogrammen: Es gab in den Musikklassen weniger oder gar keine Ausgegrenzte, weniger oder gar keine Stars, sie wuchsen also schnell zu einer guten Gemeinschaft zusammen. Aber nicht nur die Klassen fanden rasch ein eigenes Profil, auch die einzelnen Kinder wurden selbstbewusst.

In der Studie von Bastian in Berlin (an Klassen mit Schwerpunkt Musik auf ihrem Weg durch die ersten 6 Schuljahre) die von 1992 bis 1998 an die schweizerischen Schulversuche anschloss, werden diese Befunde deutlich bestätigt. Neu war hier, dass jedes Kind in Gruppen ein Instrument erlernte und es im Ensemble spielte. Ausserdem wurde in dieser Studie nun auch die Entwicklung der Intelligenz beobachtet. Die Ergebnisse sind sensationell; allerdings sind sie mit etwas Vorsicht zu geniessen, weil es wissenschaftliche Vorbehalte gab und die Population mit 5 Klassen recht klein war (in der Schweiz hatten wir 51 Klassen).

Zusammenfassend schreibt Bastian: „Ergebnisse und Erkenntnisse vorliegender Grundlagenforschung verlangen eine engagiertere Kultur-, Bildungs- und Schulpolitik, die in unseren allgemeinbildenden Schulen das Fach Musik vom Rand in die Mitte rückt."

Die Umsetzung der Ergebnisse

Ist dieser fromme Wunsch in Erfüllung gegangen? Die Antwort lautet leider Nein. Über die Verhältnisse in Deutschland orientierte kürzlich ein Artikel in der NZZ unter dem Titel „Hier küsst die Muse nicht". Dort war unter anderem zu lesen, dass an den Haupt- und Realschulen noch 40% der im Lehrplan vorgesehenen Musiklektionen korrekt erteilt werden, an den Grundschulen weniger als ein Fünftel. Auch in der Schweiz werden vielerorts die Musiklektionen für andere Fächer verwendet oder im Zuge des Sparens gestrichen. Viel zu viele Kinder verlassen die Schule als musikalische Analphabeten. In der Ausbildung der Lehrkräfte wurde die Dotierung der Musik zurückgefahren, zudem kann das Fach jetzt abgewählt werden.

Zwar gab es Erfolge auf politischer Ebene: Auf meine Initiative nahm die KMS an der Vernehmlassung für die Revision der Bundesverfassung mit dem Vorschlag für einen Artikel über Jugend+Musik teil. Im Laufe der parlamentarischen Beratung wanderte das Anliegen in den Kulturartikel, wo der Satz: „Der Bund kann kulturelle Angelegenheiten von gesamtschweizerischem Interesse unterstützen" durch „sowie Kunst und Musik, insbesondere im Bereich der Ausbildung, fördern" ergänzt wurde. Im Nationalrat bezogen sich sämtliche zustimmenden Voten auf die Musik in der Schule, und der Zusatz wurde unter Namensaufruf knapp angenommen. Im Ständerat sagte der ehemalige Urner Erziehungsdirektor Danioth unter anderem: „Längst wurde der grosse Wert einer Ausbildung in musischen Fächern für die Persönlichkeitsbildung der Jugend erkannt."… „Die Kinder, die Jugend wird intellektuell wacher, und soziale und emotionale Fähigkeiten werden geschult, was für die Prävention gegen Gewalt und Drogen wichtig ist. Es wäre deshalb ein Akt nicht nur der Gerechtigkeit, sondern auch der Klugheit, die Musik in der Verfassung dem Sport wenigstens in der Form eines klaren Bekenntnisses gleichzustellen." Und der Ständerat stimmte mit 21:10 Stimmen zu.

Im April 1999 nahm das Schweizervolk die revidierte Verfassung und damit auch den Artikel 69,2 an. Bereits im Sommer reichten NR Bangerter und SR Danioth in Abstimmung mit dem Musikrat gleichlautende Motionen ein, die als Postulate überwiesen wurden. Darin forderten sie auf Grund des Artikels 69,2, das Singen in der Schule gezielt zu fördern, die Ausbildung der Lehrkräfte in Musik zu verstärken und zu harmonisieren, aus Vertretern der Kantone eine Fachgruppe Musik zu bilden und ein schweizerisches Kurszentrum Musik anzustreben.

Leider sind auch diese Forderungen bisher unerfüllt geblieben. Zwar sind die beiden Vorstösse noch nicht abgeschrieben, aber es fanden sich bisher keine Parlamentarier, die ihre Umsetzung betreiben würden. Dagegen wurde auf Grund des Artikels 69.2 ein Kulturförderungsartikel vorbereitet. Allerdings ist auch hier die Enttäuschung gross: Obschon es einzig die Anliegen des Musikunterrichts in der Schule waren, die dem Artikel in den Räten zum Durchbruch verholfen hatten, und obschon die Motionen Danioth und Bangerter die Forderungen konkretisierten, ist im Entwurf zum KFG – ohne Zweifel auf Druck der EDK – die Musik in der Schule völlig ausgespart.

Die Hoffnung ruhte nun auf dem Expertenbericht über den Stand der Musikerziehung in der Schweiz. Aber in der zehnseitigen Zusammenfassung dieses Berichts muss man lesen: „Mit den öffentlichen Schulen in der Schweiz ist jedem Kind im Rahmen seiner Klassengemeinschaft ein kostenfreier und obligatorischer Zugang zu musikalischer Bildung gewährleistet". Damit, und mit dem nachfolgenden Text wird der Eindruck erweckt, es sei mit der Musik in der Schule alles in bester Ordnung, obschon sich die Experten (dokumentiert im Materialienband) gegenteilig geäussert hatten.

Aber auch das nach meiner Meinung wichtigste Ergebnis unserer Studien, die Entwicklung der sozialen Kompetenz, wird ignoriert und könnte doch in der Gewaltprävention eine wichtige Rolle spielen. Oder haben Sie schon einmal gehört, dass bei jugendlichen Delinquenten danach gefragt wird, ob sie in der Schule auch gesungen, musiziert und getanzt haben?

Man muss sich fragen, was alle unsere Anstrengungen wert sind, wenn sie immer wieder am Widerstand der EDK scheitern. Ich denke, dass das Eis nur gebrochen werden kann, wenn sich eine Gruppe von Erziehungsdirektorinnen und -direktoren von den vielen guten hier vorgestellten Argumenten überzeugen und begeistern lässt. Die Motionen Danioth und Bangerter zeigen den Weg, der gesamtschweizerisch zu einer Verbesserung des Musikunterrichts in der Schule führt, weil er Konkordate anstrebt und so die Schulhoheit der Kantone respektiert. Aber wie die Dinge liegen, müssten sich die Kantone und damit die EDK aktiv dafür einsetzen. Das wäre heute schon möglich, und es gibt bereits schöne Ansätze, etwa im Kanton Bern. Mit der vom Musikrat geplanten Verfassungsinitiative allein müssten wir mindestens zehn weitere Jahre warten.

Es gibt glücklicherweise auch sonst Erfreuliches. Sir Yehudi Menuhin war von unserer Studie begeistert, die persönliche Begegnung mit ihm war ein Höhepunkt in meinem Leben. Er hat zum Bericht „Musik macht Schule" das Vorwort geschrieben, und zusammen mit ihm haben wir das Projekt Mus-E aufgezogen, das heute in den meisten europäischen Ländern floriert.

Ich fahre also fort, Argumente für eine bessere Bildung mit Musik aufzuzählen. Eines davon ist

Das Intelligenz-Modell von Howard Gardner

das ich schon in meinem Buch „Schafft die Hauptfächer ab!" vorgestellt habe. Während im traditionellen IQ ausschliesslich die linguistische, die mathematisch-logische und die räumliche Intelligenz als Komponenten berücksichtigt sind, nennt Gardner ausser diesen dreien die musikalische, die körperlich-kinästhetische, die intrapersonale und die interpersonale Intelligenz, und alle sieben als voneinander unabhängige Kompetenzen.

Bei genauem Hinschauen zeigt sich, dass jede dieser Intelligenzen zu den andern Intelligenzen meist nur schwache oder keine Beziehungen, zur musikalischen Intelligenz jedoch eine starke Beziehung hat. Es drängt sich daher auf, die musikalische Intelligenz ins Zentrum eines Sechsecks zu zeichnen und darum herum in den Ecken die sechs andern Intelligenzen anzuordnen. Durch diese Darstellung wird die zentrale Bedeutung der Musik für den Menschen überraschend deutlich sichtbar. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass im Kreis der menschlichen Anlagen die musikalische Intelligenz im Vergleich mit den andern Intelligenzen eine zumindest ebenbürtige Rolle spielt. Im Interesse einer ausgewogenen Persönlichkeitsentwicklung muss deshalb bei allen Menschen eine sorgfältige Pflege auch dieser Anlagen gefordert werden.

Ein weiteres Argument für eine bessere Bildung mit Musik ergibt sich, wenn wir uns fragen:

Warum können wir Musik machen?

Die Ergebnisse unserer empirischen Untersuchungen und sogar die erstaunlichen Erkenntnisse der modernen Hirnforschung lassen unter anderem eine Frage unbeantwortet: Woher stammt die starke Repräsentation der Musik in unseren Gehirnen, wo sind die Ursprünge der Musik zu finden, warum können wir überhaupt – im Unterschied zu allen andern Säugetieren – miteinander musizieren?

Musik ist auch in der Tierwelt präsent, und zwar, wie einige Forscher vermuten, seit 60 Millionen Jahren. Als vor 2 Millionen Jahren in Ostafrika der erste Mensch auftauchte, waren also die Grundlagen für die Musik in seinem Erbgut bereits verankert, und sie sind es bis heute im ältesten Teil unseres Gehirns, vor allem im limbischen System. Aber nur der Mensch lernte, rhythmisch und melodisch koordiniert zu singen und zu musizieren. Wir verfügen nämlich über eine einzigartige Fähigkeit, die unter den Säugetieren wirklich nur dem Menschen geschenkt wurde: Wir können Rhythmen synchronisieren. Jeder gesunde Mensch kann, wenn er einen gleichbleibenden, aus blossen Schlägen bestehenden Rhythmus hört, in diesen Rhythmus ohne weiteres einstimmen. Dieser primitive Puls ist die einfachste strukturelle und gleichzeitig die grundlegende Eigenschaft unserer Musik.

Der Synchronisationsfähigkeit haben wir unglaublich viel zu verdanken. Denn erst sie ermöglicht es mehreren Individuen, ihre Bewegungen und ihre Stimmen zu synchronisieren, und nur dank ihr ist der Mensch in der Lage, gemeinsam zu singen, zu tanzen und zu musizieren, nur dank ihr konnte unsere Musik entstehen. Und wahrscheinlich ist die Synchronisationsfähigkeit sogar dafür verantwortlich, dass der Mensch eine Sprache und ein Bewusstsein entwickeln konnte.

Wie aber ist diese wunderbare Fähigkeit auf den Menschen gekommen? Vor 4 Millionen Jahren lebte in Afrika der Menschenaffe Australopithecus, der aufrecht gehen konnte. Aber erst ungefähr 2 Millionen Jahre später begann das Hirnvolumen der Australopithecinen stark zu wachsen, wahrscheinlich zuerst bei einer isolierten Gruppe in einer ostafrikanischen Savannen-Oase, und diese Neuerung setzte sich durch: Es entstand der homo habilis, der erste Vertreter der Gattung Mensch. Weil diese Entwicklung nicht darauf zurückgeführt werden kann, dass die Hände für andere Aufgaben als die Fortbewegung zur Verfügung standen, vermuten die Forscher als Auslöser eine kulturelle Entwicklung. Vieles deutet darauf hin, dass es die Synchronisationsfähigkeit war, die diese Vormenschen damals entdeckt, sich erarbeitet und in den Genen verankert haben, weil sie evolutionäre Vorteile bot. Beim gemeinsamen Brüllen konnte sich auch ein Repertoire von Phonemen entwickeln, die sich als Bausteine einer Sprache anboten. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass der homo habilis bereits über eine rudimentäre Sprache – einen weiteren entscheidenden Vorteil – verfügte.

Dass diese wunderbare Fähigkeit ausgerechnet unseren Vorfahren geschenkt wurde, hängt sicherlich damit zusammen, dass der Mensch unter den höheren Tieren das ausgeprägteste soziale Wesen ist. Die Forschungen an singenden Tieren zeigen in diese Richtung. Es hat sich gezeigt, dass das Singen neben der Abgrenzung des Territoriums auch der Stärkung der Paarbindung dient.

Der Gemeinsinn des Menschen suchte sich schon sehr früh einen Ausdruck, und so schuf er sich, als höchste und subtilste Ausprägung, aber gleichzeitig auch als Vehikel für die Entwicklung einer Sprache, die Fähigkeit zur Synchronisation. Im gemeinsamen, koordinierten „Gesang" manifestiert sich dieses Prinzip auf geradezu vollkommene Weise; er ist ein Symbol der existentiell unverzichtbaren sozialen Grundlage der Menschheit.

Die Kraft des Singens

In vielen Schöpfungsmythen ist der Gesang direkt beteiligt. In den heute noch lebenden Naturvölkern spielt das Singen eine zentrale Rolle. Vor hundert Jahren wurde in den Familien und in Gesellschaft viel und oft gesungen, noch in meiner Jugend und mit meinen Kindern, nicht zuletzt beim Abwaschen. Früher war Singen derart selbstverständlich in den Alltag integriert, dass man über seinen Stellenwert in der Gesellschaft kaum nachdachte, und deshalb wurde über das Singen, diese „Muttersprache des Menschen" und seine psychische und physische Bedeutung bis vor kurzem wenig geforscht. Nun hat Karl Adamek nachgewiesen, dass alltägliches Singen das seelische und körperliche Wohlbefinden massgeblich beeinflusst, dass es aber innerhalb von wenigen Jahrzehnten fast vollständig verschwunden ist. Zwar sind wir noch immer vom Gesang fasziniert – ich schätze, dass die allermeisten Pop-Erzeugnisse den Gesang integrieren – aber wir singen nicht mehr selber, sondern wir lassen singen.

Wir brauchen eine erneuerte Kultur des Singens. Im Elternhaus mit den ganz kleinen Kindern müsste es beginnen, in den Schulen müsste es wieder gepflegt werden. Bei einem amerikanischen Chor stieg bei Proben zur Missa Solemnis der Pegel an Immunglobulin A um 150% an, bei der Aufführung sogar um 240%. Singen regt auch die Zirbeldrüse zur Produktion von Melatonin an, das für guten Schlaf sorgt. Eine Studie in einem Universitätschor bestätigte, was wir längst wissen: dass Chorsänger beim Singen ein intensives Glücksgefühl erleben.

Gemäss neuesten Studien kann zusammenfassend gesagt werden: Singen und Musik können die Ausschüttung des Liebes- und Bindungshormons Oxytocin und der körpereigenen Opiate Serotonin, Noradre-nalin und Betaendorphin erhöhen, die Stresshormone Adrenalin und Kortisol abbauen und die Ausschüttung des Aggressionshormons Testosteron hemmen. Gesteuert werden diese endokrinen Prozesse weitgehend durch unsere ältesten Gehirnteile, und das legt den Gedanken nahe, dass sie in der Evolution des sozialen Menschen, also bereits vor 2 Millionen Jahren eine wichtige Rolle spielten.

Musik im Kindergarten

In Deutschland wird nur noch in zehn Prozent der Kindergärten mit den Kindern gesungen. Umso mehr Aufsehen erregt jetzt eine wissenschaftliche Studie, die belegt, dass Kinder aus Kindergärten, in denen gesungen wird, deutlich häufiger den Schultauglichkeitstest bestehen, eine bessere Sprachentwicklung und eine bessere kognitive und koordinative Entwicklung aufzeigen, psychisch und körperlich gesünder sind und über eine höhere emotionale Intelligenz verfügen.

Musik in der frühen Kindheit

Die Sprachkompetenz eines fünfjährigen Kindes erstaunt uns immer wieder, denn ohne dass es zur Schule gegangen wäre, beherrscht es die Sprache der Eltern fast perfekt, samt Grammatik, Syntax und Semantik. Dieses Wunder – bei jedem Kind! – ist seiner angeborenen Musikalität zu verdanken.

Keine andere Intelligenz manifestiert sich so früh im menschlichen Leben wie die Musik. Das Ohr ist das zuerst ausgebildete Sinnesorgan. Der Fötus reagiert auf Musik schon im fünften Monat der Schwangerschaft mit Bewegungen und verändertem Herzschlag. Mit 35 Wochen kann der Fötus zwei Töne im Umfang einer Oktave unterscheiden, und schon nach dem 7. Schwangerschaftsmonat ist das akustische System vollständig ausgebildet.

Die Kinder sind von der Geburt an von der Sprache fasziniert. Neugeborene erkennen die Stimme ihrer Mutter. Frühgeborene gedeihen besser, wenn sie die Stimme der Mutter hören. Das Neugeborene zeigt eine Vorliebe für Märchen, die während der Schwangerschaft von der Mutter erzählt wurden. Lange bevor das Kleinkind Sprache verstehen kann, begreift es die Gefühlslage der Mutter, sei es Freude, Liebe, Bedauern, Trauer, Trost unmittelbar über den Sprachton, also ein musikalisches Signal. Vier Tage alte Säuglinge unterscheiden bereits ihre Muttersprache von einer fremden Sprache. Zwei Monate alte Säuglinge können bereits Rhythmen unterscheiden, 8 Monate alte Säuglinge erkennen steigende und fallende melodische Linien. Im Alter von zwei bis vier Monaten können sie Klangfarben unterscheiden.

Auf Grund von Studien mit Kunstsprachen kann man mit Gewissheit vermuten, dass das Kind die Sprache von seinen Betreuerinnen und Betreuern lernt auf Grund der Melodie, des Rhythmus, der Pausen, der Betonungen, der Phrasen, also auf Grund der musikalischen Komponenten der Sprache! Es erlernt sie in einem angeborenen Lernprozess, in den sich die Eltern intuitiv – durch Hormone gesteuert – einpassen. Deshalb dürstet der Säugling geradezu nach der Stimme der Mutter und nach ihrem Singen; denn er will sprechen lernen. Schon mit 4 Wochen schweigt das Kind, wenn die Mutter spricht, während ihr Schweigen Vokalisationen auslöst. Mit 5 Monaten beginnen eigentliche Dialoge mit wechselseitigem stimmlichem Nachahmen. Steigende Endungen bei kindlichen Lautäusserungen verlangen meist eine Antwort, fallende Endkonturen schliessen eine Kommunikation ab. Diese Spielchen und kreative musikalische Duette sind ein besonderes Vergnügen für Mutter und Kind.

Den Doppelton, den das mütterliche Herz erzeugt, imitiert das Kleinkind in seinen ersten artikulierten Lauten, den seltsamen Doppelsilben pa-pa, ma-ma, do-do, pi-pi. Ein Meilenstein ist das Auftreten des Silbenplapperns in Monologen (bäbäbä, dädädä) zwischen 5 und 7 Monaten, wo die Mutter sich häufig zurücknimmt und nur belustigt zuhört. 6 bis 10 Monate alte Säuglinge zeigen eine klare Vorliebe für eine mit sinnvollen Pausen vorgetragene Geschichte gegenüber der gleichen Geschichte mit willkürlichen Pausen. Bis zum 8. Lebensmonat ist das Silbenplappern der Säuglinge universell, doch im 8. bis 10. Monat beginnt es sich der Muttersprache anzupassen. Mit dem Erscheinen der regulären Silben beginnt der Übergang von der limbischen zur neocortikalen Steuerung mit linkshemisphärischer Spezialisierung bezüglich Rhythmus.

Im ersten Lebensjahr durchlaufen wir wahrscheinlich ungefähr anderthalb Millionen Jahre der philogenetischen Entwicklung, also vom homo habilis bis zum homo sapiens. Dieses erste Jahr ist nicht nur für die Sprachentwicklung, sondern für die ganze geistige Entwicklung des Menschen von grosser Bedeutung, und die „Musik" in der Sprache der Eltern spielt eine entscheidende Rolle. Hier wird deutlich, wie wichtig die frühe Entfaltung der musikalischen Intelligenz für die Entwicklung des Menschen ist. Hier entscheidet sich auch, ob die in jedem Menschen vorhandenen Anlagen gepflegt und gefördert oder definitiv verschüttet werden.

Eltern-Kind-Singen

wie es in der Schweiz seit einigen Jahren systematisch gepflegt wird, führt Eltern und ihre Kleinkinder im Alter von anderthalb bis 4 Jahren gezielt hin zum Singen und zur Musik im Sinne einer gesamtpersönlichen Förderung durch Musik. Jede Stunde Eltern-Kind-Singen ist – im Unterschied zu Spielgruppen – klar strukturiert. Es gibt eine DVD, wo eine solche Sing- und Spielstunde ungeschnitten vorgestellt und kommentiert wird. Das EItern-Kind-Singen soll auch mithelfen, dem früher allgemein verbreiteten alltäglichen Singen wieder Auftrieb zu geben.

Der Verein Eltern-Kind-Singen, der auf meine Initiative vor bald sieben Jahren gegründet wurde, bildet Leiterinnen aus und bietet Weiterbildung an. Seit zwei Jahren wird in Solothurn mit grossem Erfolg auch Baby-Singen angeboten für Mütter mit 4 bis 12 Monate alten Säuglingen. Ein entsprechender Ausbildungsgang ist soeben ausgeschrieben worden.

Damit bin ich am Ende meiner Ausführungen angelangt. Ich hoffe, Ihnen in der kurzen Zeit einige stichhaltige Argumente mitgegeben zu haben für die kommenden grossen Aufgaben zugunsten einer Bildung mit mehr Musik: Die Verfassungsinitiative „Jugend+Musik" wird lanciert, vielleicht setzen sich die Parlamentarierinnen und Parlamentarier endlich mit den Motionen Danioth und Bangerter auseinander und wer weiss, vielleicht gelingt es uns sogar, die EDK für eine bessere Musikerziehung in der Schule zu gewinnen.

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Die Bodenfrage in der Schweiz  

Referat an der Tagung "Eigentum und Freiheit" am 28. Januar 2012 im Campus Muristalden in Bern

Lamento zur heutigen Situation in wenigen Blitzlichtern

die Individuen betreffend:

In allen Preisen und Löhnen, die in der Schweiz verlangt bzw. bezahlt werden, sind schätzungsweise mindestens 30% Bodenzins (Grundrente) enthalten. In guten Wohnlagen der Städte Zürich und Genf steigen die Mieten derart, dass der Mittelstand vertrieben wird. In der französischen Nachbarschaft von Genf vertreiben die „reichen Genfer" (der aus Genf vertriebene Mittelstand) aus den gleichen Gründen die ansässigen Bewohner. In Zug werden intakte Miethäuser mit mässigen Zinsen abgerissen und durch neue mit doppelt so hohen Wohnungsmietzinsen ersetzt. Am Genfersee werden für Villen 20 und mehr Millionen bezahlt; die Preise verdoppeln sich innert weniger Jahre.

In Crans-Montana, Gstaad, Grindelwald und andern Tourismusorten ist es für Einheimische fast unmöglich, zu angemessenen Kosten zu wohnen. Am Suvrettahang in St. Moritz zahlte man im Jahr 2009 pro m2 Fr. 47'000.-; Liegenschaften wechselten für 100 Millionen die Hand. Die arbeitende Bevölkerung von St. Moritz muss wegen der hohen Mieten ins Unterengadion ausweichen. In allen Tourismusorten muss eine städtische Infrastruktur zu Verfügung gestellt werden, die aber nur wenige Wochen wirklich benötigt wird und in der übrigen Zeit, während der die Hotelbetten kalt bleiben, eine Belastung ist. Und überall werden die Einheimischen durch hohe Mieten und Bodenpreise vertrieben.

die öffentliche Ökonomie betreffend:

Die Bodenpreise in den Städten führen zu einem Bauboom in den Gemeinden des Mittellandes. Diese benötigen eine neue Infrastruktur (Strassennetz, Anschlüsse Wasser, Strom, Telefon). Es bilden sich Reichenghettos, die Bevölkerungsstruktur wird schief, das Dorfleben verarmt, die Vereine sterben. Der Individualismus wird kultiviert, das demokratische Engagement nimmt ab. Ganze Hotels, zum Beispiel in Crans-Montana, werden zu luxuriösen Eigentumswohnungen umgebaut, die nun – abgesehen von wenigen Wochen – das ganze Jahr leerstehen. Das Verkehrsnetz wird aufgebläht, es braucht mehr Öffentlichen Verkehr und Autobahnen, was zusätzlich Boden verbraucht. Es wird zu viel Bauland eingezonzt. Pro Sekunde wird gegenwärtig in der Schweiz eine Fläche von 1 m2 überbaut.

die Schweiz als unsere Heimat betreffend:

Attraktive Landschaftspunkte (z.B. Ausflugsrestaurants) werden zu privaten Villen. Vernünftige Ortsplanung und -entwicklung (Stichworte: Industriebrachen, verdichtetes Bauen) wird durch private Bodeneigentümer behindert. Die Landschaften werden zersiedelt, verstädtert, sie verlieren ihren Charme.

die Gesellschaft betreffend:

Habenichtse und Mittelstand zahlen über Steuern für die Infrastruktur, die Reichen kassieren. Die Schere Superreich/Working Poor öffnet sich weiter, „unser" Boden gehört mehr und mehr anonymen Reichen.

Was wäre, wenn der Boden den Gemeinden gehörte?

Es ist fast nicht zu glauben, aber die meisten der erwähnten Klagepunkte würden sich ganz oder teilweise auflösen:

Die Städte könnten durch Vergabe von Baurechten für eine sozial durchmischte Überbauung sorgen. Der Abbruch von intakten Häusern zwecks Erhöhung der Rendite würde verhindert. Es flössen beträchtliche Geldmittel als Baurechtszinsen in die Gemeindekassen (bei exklusiven Villen wären es entsprechend hohe Beträge). In den Tourismusorten könnten die Gemeindebehörden für die Einheimischen günstige Baurechtszinsen berechnen, die Eigentümer von Ferienhäusern könnten vertraglich zur Vermietung während einer minimalen Zeit verpflichtet werden. Die Mittellandgemeinden könnten ihre Entwicklung dosieren, die Einzonung einschränken, durch langfristige gezielte Planung die Infrastruktur massvoll erweitern und so das Gemeindeleben gesund erhalten. Attraktive Landschaftspunkte könnten der Öffentlichkeit erhalten bleiben. Die Pflege eines schönen und für das Zusammenleben freundlichen Ortsbildes (beispielsweise die Revitalisierung einer Industriebrache) wäre ohne Probleme und kurzfristig möglich. Durch solche Massnahmen würde die Wohnlichkeit von Quartieren erhöht und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bewohner verstärkt. Zwar können die Probleme der Raumplanung damit nicht einfach gelöst werden , aber der Zersiedelung der Landschaft könnte besser entgegengewirkt werden. Der Boden als Fluchtburg des Kapitals hätte ausgedient, die doppelte Ausbeutung der Steuerzahler und Mieter durch Sozialisierung der Infrastrukturkosten und Privatisierung des Mehrwertes würde dahinfallen. Den Unterschied zwischen Habenichtsen und Reichen in Bezug auf Grundeigentum gäbe es nicht mehr.

Das tönt paradiesisch, aber auch abenteuerlich und utopisch. Trotzdem lohnt es sich, diese Gedanken weiter zu spinnen.

Gibt es ein Recht auf privates Bodeneigentum?

Alles Bodeneigentum wurde ursprünglich geraubt (privé!). Alle seitherigen legalen Handänderungen ändern nichts daran, dass es sich um Raubgut handelt. Privi-legierte sind wörtlich genommen „legalisierte Räuber". Die Bibel spricht Klartext: „Des Herrn ist die Erde!", so steht es in Psalm 24 und im 1. Kor. 10,26. Im biblischen Israel war aller Bodenbesitz zeitlich begrenzt und nur Lehen. Im alten Griechenland gab es zweimal eine radikale Rückgabe.

Thomas von Aquin, Jean-Jacques Rousseau, John Stuart Mill, John Locke, Adam Smith, Pierre-Joseph Proudhon und Papst Johannes XXIII, alle lehnten sie privates Bodeneigentum ab oder wollten es einschränken. Eine ganze Reihe von ernsthaften Gegenmodellen hatten leider bisher keine Chance. Argumente zugunsten privaten Bodeneigentums sind mir keine bekannt, auch keine gegen gemeinsames Eigentum. Allmenden haben mit klaren Regeln Jahrhunderte überlebt.

Ein Blick auf eine Entwicklungslinie des Begriffs Eigentum

In der Feudalzeit waren die Bauern auf der untersten Stufe der Hierarchie (viele von ihnen waren als Hörige mit ihrer Arbeit sogar ein Teil des Bodeneigentums). Diese Bauern aber waren es, die den Ertrag des Bodens erwirtschafteten, der, obwohl aus heutiger Sicht gering, doch den Luxus der Feudalherren und die herrlichen Bauten, die wir heute bewundern, erst ermöglichte. Als die Französische Revolution das Feudalsystem beendete, bedeutete eigener Boden für den dritten Stand auch Befreiung, und das war ein derart grosser Schritt, dass die ursprüngliche radikale Forderung (z.B. durch Rousseau und Robespierre) nach Aufhebung privaten Grundeigentums auf der Strecke blieb.

Nach der Revolution erliess die französische Nationalversammlung am 26. August 1789 die Erklärung der „natürlichen und unantastbaren" Menschenrechte auf Freiheit, auf Eigentum, auf Sicherheit und auf Widerstand gegen Unterdrückung. Im Artikel 17 heisst es dann sogar: Da das Eigentum ein unverletzliches und geheiligtes Recht ist, kann es niemandem genommen werden. Dank dieser Heiligsprechung kam im Laufe des 19. Jahrhunderts die Formulierung „Das Eigentum ist gewährleistet" in die demokratischen Staatsverfassungen und 1948 in die Erklärung der Menschenrechte der UNO. Damit wurde der Status der Heiligkeit noch gefestigt. Heute steht das Eigentum zuoberst auf der Liste unserer Götzen.

Dabei ist es offensichtlich, dass unter dem Begriff „Eigentum" immer vor allem Grundeigentum gemeint ist. Das ist die ursprünglichste und nach wie vor wichtigste Form von Eigentum. So werden in allen Kommentaren und Erklärungen fast ausschliesslich Bilder und Begriffe aus der Wald- und Landwirtschaft beigezogen. Alles übrige Eigentum, nämlich bewegliche Sachen und das Kapital, braucht keine „Gewährleistung": Wenn uns etwas gestohlen wird, melden wir das der Polizei und der Versicherung. Niemandem würde es einfallen, deswegen die Verfassung anzurufen.

Ein Systemfehler

Die bevorzugte Stellung des Grundeigentums beruht möglicherweise auf einem Kuriosum, das sich in die Zivilgesetzgebung eingenistet hat und sich im Artikel 667 unseres ZGB folgendermassen präsentiert: Das Eigentum an Grund und Boden erstreckt sich nach oben und unten auf den Luftraum und das Erdreich, soweit für die Ausübung des Eigentums ein Interesse besteht. Es umfasst unter Vorbehalt der gesetzlichen Schranken alle Bauten und Pflanzen sowie die Quellen. Dieses eigenartige Gesetz bildet für das Grundeigentum einen besonderen Schutzmantel: Zwei völlig unterschiedliche Sachen, nämlich ein Grundstück (das ewig bestehen und abgesehen vom Grad seiner Erschliessung und allfälliger Verschmutzung unverändert bleibt) und ein darauf stehendes Gebäude (das der Alterung und damit der Wertverminderung unterliegt) werden als eine einzige Sache, als „Liegenschaft" unter den gleichen Begriff gezwungen.

Rational ist das nicht zu begründen, denn es handelt sich um eine Vermischung zweier deutlich verschiedener Kategorien von Eigentum. Hier liegt einer der Gründe, dass über das Grundeigentum nicht sachlich diskutiert werden kann. Dass das Eigentum an den Gebäuden nicht bestritten ist und nach wie vor gewährleistet sein soll, wird geflissentlich überhört.

Die Grundrente

In der Feudalzeit entsprach die Grundrente dem Bodenertragswert. Es wäre zynisch, die heutige Grundrente als Ertrag zu bezeichnen: Sie ist die Ausbeutung eines Monopols. Dazu kommt, dass sie ein Vielfaches der Feudalrente beträgt, weil der Boden nun als Industriestandort und Baugrund dient.

Jede (durch Steuern ermöglichte) Verbesserung der Infrastruktur erhöht automatisch die Grundrente, der daraus resultierende Mehrwert wird jedoch privatisiert, er geht in die Taschen der Grundeigentümer. So macht die Grundrente den Boden so attraktiv, dass er zur krisenresistenten Fluchtburg für das Kapital geworden ist.

Der Bodenmarkt

In einem freien Markt reguliert sich der Preis, indem von einer zu teuren Ware automatisch mehr angeboten wird. Das ist hier nicht möglich, weil die Menge des verfügbaren Bodens beschränkt ist. Deshalb kann das Gesetz von Nachfrage und Angebot nicht oder nur sehr beschränkt spielen. Der Markt kann es nicht „richten". Damit erhält der Boden den Charakter eines Monopols. Wer Eigentümer des Bodens ist, verfügt über eine enorme Macht. Und weil der Boden ein Monopol ist, gehört er ohne Wenn und Aber in die Verfügungsgewalt der öffentlichen Hand.

Wenn aller Boden privat wäre – das wäre im heutigen System grundsätzlich möglich – dann müsste jeder Mensch bei diesen Privaten um die Bewilligung betteln, auch nur einen Fuss auf die Erde zu setzen. Aus der Absurdität dieses Gedankens ergibt sich, dass der Boden keine Ware sein und daher auch nicht vermarktet werden darf.

Wie kann es weiter gehen?

Wenn wir nicht wollen, dass die Bodenpreise im gleichen Ausmass steigen wie bisher, dass dadurch die Mieten steigen und der Anteil der Bodenrente an allen Preisen und Löhnen sich von bisher 30 auf gegen 50% erhöhen wird, dass sich die Hochpreisinsel Schweiz stabilisiert, der Mittelstand weiter absinkt, der soziale Friede stärker gefährdet wird, dann müssen wir etwas unternehmen.

Lösungsansätze

1 Grundlagen

      Ausführliche Diskussion verschiedener Bodenrechtskonzeptionen mit ausgewiesenen Experten aus allen Lagern.

      Entwicklung einer zielorientierten Bodenpolitik.

      Aufklärungsarbeit über die Folgen einer im gleichen Stil ungebremst weiterlaufenden Entwicklung im Bodenmarkt.

      Überzeugungsarbeit in den Gemeinden mit dem Ziel, dass sie keinen Boden mehr verkaufen, aber solchen zu kaufen suchen (und nur im Baurecht abgeben).

      Allgemein müssten wohl Massnahmen ergriffen werden, die Bodeneigentum unattraktiv machen (ausser bei Eigennutzung).

2 Sanfte, indirekte Massnahmen

      Steuerfreiheit für (privat oder industriell) selbstgenutztes Grundeigentum, kräftige Besteuerung der Bodenrente bei Fremdnutzung.

      Förderung des genossenschaftlichen Wohnungsbaus. Verbot der Überführung von Genossenschafts- in privates Eigentum.

      Abschöpfung des Mehrwertes bei der Verbesserung der Infrastruktur, oder besser noch: Vorfinanzierung von neuen S-Bahnen, Umfahrungsstrassen, neuen Autobahnabschnitten durch die Grundeigentümer im betroffenen Perimeter.

      Abgabe von Bauland an Personen im Ausland nur im Baurecht der Gemeinde.

3 Gesetze

      Beschränkung des möglichen Grundeigentums pro Person auf z.B. 50 a in der Wohnzone, 1 ha in der Gewerbezone, 2 ha in der Industriezone und 30 ha in der Landwirtschaftszone.

      Beschränkung der Vererbung von Grundeigentum, z.B. auf 100 Jahre nach Erwerb.

      Eine eidgenössische Erbschaftssteuer von 50% ab 5 Millionen pro Erben und Verwendung eines Teils der Erträge zum Rückkauf von Boden durch die Gemeinden unter der Bedingung, dass er nur noch im Baurecht abgegeben werden darf.

      Neudefinition des Begriffs Eigentum gemäss BV Art, 28 und im ZGB Art. 146: je eigene Kategorien für

          - Grundeigentum ohne Gebäude

          - Persönliches Eigentum (mit Wohnhäusern) und

          - Produktionsmittel (mit Fabrik- und Geschäftsgebäuden)

      Dadurch würde bei Liegenschaften transparent, wie gross die Anteile der Bodenrente und des Kapitalzinses sind.

      Beschränkung der Finanzierungs- und Wertschöpfungsfunktion auf die Gebäude (keine Hypotheken auf Boden), auf lange Frist vollständige Entkommerzialisierung des Bodens.

      4 Grundbuchverordnung

      Statistiken über die Verteilung des Bodeneigentums und über die Bodenrenten, ihr Ausmass und ihre Nutzniesser.

      Verbot der Abgabe von Boden im Baurecht durch Private

5 Einfluss der öffentlichen Hand

      Vorkaufsrecht der öffentlichen Hand bei Grundstück- und Liegenschaftsverkäufen.

      Expropriationsrecht der öffentlichen Hand zugunsten vernünftiger Ortsplanung und entwicklung.

      Kauf von Grundeigentum durch die öffentliche Hand durch Ausgabe von verzinslichen Bodenobligationen mit einer Laufzeit von beispielsweise 40 oder 50 Jahren. Diese Wertpapiere wären handelbar, könnten aber nicht belehnt werden. Der Obligationenzins entspräche dem Anteil der Bodenrente im Mietzins und könnte mit diesem verrechnet werden. Der öffentlichen Hand würden also keine Kosten erwachsen, und der bisherige Eigentümer hätte während der Laufzeit unveränderte Einnahmen. Natürlich könnte er die Obligation auch gleich verkaufen, denn im Laufe der 40 oder 50 Jahre würde sie kontinuierlich an Wert verlieren.

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