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Ernst Waldemar Weber

Haldenau 20, CH-3074 Muri

Tel 0(041) 31 951 16 41

 

ewawe@muri-be.ch

 

 

aktualisiert: 20. April 2017

 

 

 



 

Bildung durch Musik: Das pädagogische Erbe von Zoltan Kodály

Aus den USA erreichen uns auch erfreuliche Nachrichten, zum Beispiel über erstaunliche Wirkungen von Musikunterricht:

Die Schulen in New York – besonders die in der Bronx – sind nicht auf Rosen gebettet: Aus finanziellen Gründen sind viele nicht in der Lage, Kunstunterricht anzubieten, und 59% der öffentlichen Schulen in New York City haben keinen ausgewiesenen Musiklehrer im Kollegium. Doch es gibt die ETM, EDUcation Through Music. Diesem Team von engagierten Musikpädagogen können die Schulen den gesamten Musikunterricht übergeben.

ETM übernimmt in den Partnerschulen Musik als Kernfach, richtet die Musikzimmer ein und bietet mit hochqualifizierten Musiklehrerinnen und -lehrern, die auch Bands und Orchester leiten, einen umfassenden Musikunterricht an. Auf der Website www.etmonline.org sind 43 Mitglieder dieses Teams aufgelistet. Sie sind überzeugt, dass jedes Kind Zugang haben sollte zu hochwertigem Musikunterricht, und dass Musik das Lernen in andern Fächern (Mathematik, Naturwissenschaft und Sprachen) unterstützt, dass intensive Beschäftigung mit Musik also ein Katalysator ist für Selbstvertrauen, Motivation und den schulischen Erfolg. Musik soll nicht nur Kernstoff sein, sondern auch ein Mittel für die allgemeine Entwicklung.

Allgemein bessere Schulleistungen

ETM behauptet, Musikerziehung führe bei Kindern nachgewiesenermassen zu besseren kognitiven Fähigkeiten und Schulleistungen in allen Fächern, ebenso im sozial-emotionalen Bereich (Selbstbewusstsein, Zuversicht und Disziplin). Die Begegnung mit den Künsten wirke sogar bis ins Erwachsenenalter: Langzeitstudien hätten gezeigt, dass diejenigen unter den Schülern mit tiefem sozioökonomischem Status, die den Künsten während der Adoleszenz stärker ausgesetzt waren, 23% grössere Chancen hatten, ins College zu kommen, und einmal drin, hätten sie höhere Punktzahlen erreicht.

Die Wirksamkeit des Programms beruhe auf dem strengen ETM-Musiklehrplan, der sorgfältig entwickelt wurde, um die musikalischen und kognitiven Fähigkeiten zu fördern. Sein Inhalt ist leider nicht abrufbar; er soll umfassend, schrittweise aufbauend und auf Standard-Fähigkeiten ausgerichtet sein. Die Musiklehrer und die Klassenlehrer arbeiten zusammen, um den Lehrplan zu integrieren und die Schüler zu begeistern, quer über alle schulischen Aufgaben zu lernen. Jährliche Vortragsübungen der Schülerinnen und Schüler helfen, deren soziale und emotionale Entwicklung voranzutreiben.

Die Evaluation

Am Ende jedes Schuljahres werden die Erfolge von ETM evaluiert. Der auf den Daten des Schuljahres 2014/15 beruhende Bericht zeigt, wie gross der Einfluss des ETM-Programms auf die Schüler und die Gemeinschaften ist. Er bietet auch eine Übersicht des Evaluations-Designs, der Methoden der Datensammlung und der verwendeten Analysen.

Die Ergebnisse sind beeindruckend: In allen schulischen Belangen verbesserten sich die Leistungen der Schülerinnen und Schüler, und zwar besonders deutlich in den Schulen, die seit vier oder mehr Jahren Partner von ETM sind: Sie weisen signifikant höhere Prüfungsleistungen in Mathematik und Sprache auf als in Schulen ohne ETM-Partnerschaft. Auch Schülerinnen und Schüler mit speziellen Bedürfnissen und Lernschwierigkeiten waren in Langzeit-Partnerschulen besser.

Fast 90% der Schüler, Eltern und Lehrer glauben, dass ETM in den sozial-emotionalen Bereichen Vertrauen, Kreativität, Kooperation und künstlerische Fähigkeiten einen bedeutenden positiven Einfluss hat. Und 90% aller Schüler finden, durch ETM seien ihre Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeiten verbessert worden.

Seit der ersten Partnerschaft 1991 war es das erklärte Ziel der ETM, jedem Kind aus dem New Yorker Niedriglohngebiet diese Art von Musikerziehung anzubieten. Dank dem Wachstum der Organisation ist dieses Ziel nun näher gerückt: Während des Schuljahres 2014/2015 war ETM Partner in 46 Schulen von NYC und betreute fast 27'000 Schüler in vier Stadtteilen vom Kindergarten bis ins 8. Schuljahr.

Das Erbe von Zoltan Kodály

ETM geht zurück auf die Musikpädagogin Mary Helen Richards, die durch den ungarischen Komponisten Zoltan Kodály inspiriert worden war. Zusammen mit einer kleinen Gruppe von amerikanischen und kanadischen Pädagogen gründete sie 1969 das Richards Institute of Education and Research, das rasch wuchs und das ETM-Programm entwickelte. Dieses fand bei den Lehrkräften grossen Anklang. Auch Zita Wyss, die Pionierin des Eltern-Kind-Singens in der Schweiz, wurde von ETM inspiriert. Heute bietet das Institut 14 Winterkurse an, im Sommer 3 bis 4 Camps und eine Woche „Colloquium“, das international besucht wird. Als nach dem Vietnamkrieg die Frauen aus dem Land gejagt worden waren, die sich mit einem GI eingelassen hatten, wurden diese und ihre Kinder mit Hilfe von ETM und amerikanischen Kinderliedern in den USA ntegriert.

Die Schweizer Parallele

Vor dreissig Jahren begann in der Schweiz, ebenfalls inspiriert von Zoltan Kodály, unter dem fast identischen Namen BESSERE BILDUNG MIT MEHR MUSIK ein Nationalfonds-Projekt mit 50 Schulklassen, die während drei Jahren wöchentlich 5 Lektionen Musikunterricht erhielten, aber je eine Lektion Mathematik, Französisch und Deutsch weniger. Die These, dass es trotz der Reduktion in diesen Hauptfächern keine Einbussen gab, wurde bestätigt. Es gab sogar Verbesserungen, besonders im sozial-emotionalen Bereich. Und die Wirkungen begannen nach drei Jahren deutlicher zu werden.

Diese Resultate führten zu einer öffentlichen Diskussion über die Musik in der Schule und zum Artikel 69,2 BV: „Der Bund kann kulturelle Bestrebungen von gesamtschschweizerischem Interesse unterstützen sowie Kunst und Musik, insbesondere im Bereich der Ausbildung, fördern“ (allerdings wurde dieser Artikel dann listigerweise umgedeutet, um als Grundlage für das Kulturförderungsgesetz zu dienen). Schliesslich kam es sogar zu einem neuen Verfassungsartikel über musikalische Bildung, wo nun das grosse Wort steht, dass sich Bund und Kantone für einen hochwertigen Musikunterricht einsetzen. Trotzdem hat sich in den Schulen seither leider nichts verändert: Der Unterricht in Musik ist vielerorts in einem desolaten Zustand.

Musikerziehung in Ungarn

Vor fünfzig Jahren erhielten wir Kunde von den ungarischen Musikgrundschulen, wo täglich eine Musiklektion erteilt wurde und im strengen Kodály-Lehrplan nach Handzeichen gesungen, die Notenschrift erlernt und Blattsingen und Notieren von Musik geübt wurde. Und es wurde berichtet, dass die Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler dieser Schulen in allen Fächern bedeutend besser waren als bei den üblichen Volksschulen, ebenso die Konzentrationsfähigkeit, die Rede- und Formulierungsgewandtheit, das Gedächtnis und die Disziplin des Denkens. Sogar das Gefühlsleben wurde bereichert.  

Diese Ergebnisse liessen aufhorchen, aber im Westen hiess es, sie seien nicht wissenschaftlich erhärtet. Es gab zwar einige Studien, aber keine davon mit Bedingungen, wie sie in den ungarischen Musikgrundschulen geherrscht hatten. Das gilt auch für die Schweizer Studie: Der Musikunterricht musste gemäss den kantonalen Lehrplänen erteilt werden; die Leitung hatte nur indirekt Einfluss, etwa, indem sie in den Weiterbildungsseminaren – ohne grossen Erfolg – das Kodály-Modell der Singschulung vermittelte.  

Das ungarische Experiment aber scheint von der pädagogischen und der psychologischen Forschung glatt ignoriert worden zu sein: In „Macht Musik schlau?“ von Lutz Jäncke, wo alle einschlägigen Studien besprochen sind, wird es gar nicht erwähnt. Angesichts der Befunde, wie sie in „Musikerziehung in Ungarn“ (Klett, 1966) dargestellt sind, ist das unverständlich.

Neuer Schwung in die Pädagogik  

Was wir nun von ETM in New York hören, erinnert an die Kodály-Schulen in Ungarn. Die geschilderten Ergebnisse wären – wissenschaftlich verifiziert – schlicht sensationell und müssten in der Pädagogik zu einem Umdenken führen. Eine solche Überprüfung müsste aber an den New Yorker Schulen stattfinden. Denn dort sind die Bedingungen ideal: Ein strenger Lehrplan und bereits bestehende Versuchs- und Kontrollklassen. Es ist zu hoffen, dass renommierte pädagische Forscher sich endlich damit befassen werden. .

In der Schweiz könnten wir – für die unterste Stufe – mit verhältnismässig geringem Aufwand ebenfalls eine solche Überprüfung anbieten, nämlich in den Kinder-Tagesstätten, etwa nach folgendem Plan: 5 KITAS mit je einer Musikstunde nach ETM täglich, 5 ohne ETM, also eine Population von je etwa 100 Kindern in der Versuchs- und in der Kontrollgruppe.  Diese wissenschaftlich begleitete Studie müsste über 3 bis 5 Jahre laufen, der ETM-Lehrplan müsste verbindlich sein, die Leiterinnen musikalisch und pädagogisch kompetent.

Die Fähigkeiten der Kinder würden zweimal im Jahr gemessen. Dafür gibt es bereits bewährte Designs und erfahrene Teams. Auch für die musikalische Weiterbildung der Leiterinnen werden schon Kurse angeboten, nämlich im Solotutti-Zentrum für Musik in Solothurn. Zudem  könnten erfahrene Leiterinnen von Eltern-Kind-Singen angefragt werden.

Eine solche Studie wäre auch ein konstruktiver Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion über die Bildungs-Förderung in der frühen Kindheit. Und sie wäre eine lobenswerte späte Referenz an den grossen Zoltan Kodály. Darüber hinaus wäre es ein Steilpass für die schweizerische pädagogische Forschung. Wir können nur hoffen, dass sie sich diese Chance nicht entgehen lässt.

Inzwischen dürfen wir uns an den Bildern und Videos der musizierenden Schülerinnen und Schüler erfreuen, die auf www.etmonline.org zu sehen sind: Die Lebensfreude, die darin zum Ausdruck kommt, ist umwerfend und geht zu Herzen. Das ist lustvolle Schule, wie wir sie uns wünschen möchten.

                                                                                           Ernst Waldemar Weber.