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Singen, Musizieren und Musik hören: All das geht nicht mehr. Also bleibt - neben den regelmässigen Aufgaben im Haushalt, die ich übernommen habe - lesen und schreiben.

Nach dem zweiten Preis im Essay-Wettbewerb des "Bund" habe ich den Text drucken lassen in einem Büchlein von 14,5 cm Breite und 16,5 cm Höhe. Das Format hat mir so gefallen, dass ich auch die folgenden, erfolglosen Essays so drucken liess und ebenso eine ganze Reihe von Betrachtungen (unter "Verlag" aufgelistet). Noch vorher waren es "My Seminarzyt", "Der Vulkan Ungleichheit", "Was ist mit unserem Boden?" und der Rechenschaftsbericht "Bessere Bildung mit mehr Musik" über 25 Jahre Knochenarbeit als Rentner. gewesen.

Und "Vom Ursprung der Musik, der Sprache, des Menschen" hatte ich vollständig überarbeitet und als 4. Auflage herausgegeben.Leider ist auf die darin enthaltene These bisher von keiner Seite reagiert worden, und deshalb habe ich Joachim Bauer um eine Stellungnahme gebeten (sie ist verprochen, aber noch nicht erfolgt), und mit der supergescheiten Autorin des Buches "Warum der Mensch spricht", Ruth Berger, konnte ich Kontakt aufnehmen. Unter den letzten Essays behandeln "Die Zwei und wir" und "Die Rolle der Musik bei der Evolution des Menschen" das gleiche Thema. Mit einem Nachbarn, einem pensionierten Arzt, habe ich heute darüber ein gutes Gespräch geführt. Und mit einer Professorin der Musikwissenschaft hoffe ich sprechen zu können.Diesen Text stelle ich weiter unten zum Herunterladen zur Verfügung.

Vor einiger Zeit habe ich die Geschichte der Familie meiner Eltern geschrieben und mit Fotos dokumentiert. Gegenwärtig arbeite ich an der Geschichte unseres Ferienhauses im Simmental, das jetzt unserem jüngeren Sohn gehört.

 

Vor sechsJahren kam mein Buch "Der Vulkan Ungleichheit" heraus. Es enthält eine Zusammen-Fassung einer Studie der OECD von 2011, eine (besonders lesenswerte) Kurzfassung des Buches "Gleichheit ist Glück", das Kapitel über Ökonomie aus einem Hirtenbrief des Papstes und Kommentare aus meiner Feder. Das Buch kostet Fr. 18.- und ist bei mir noch vorrätig.

 

 

 

Woher stammt die Musik? 

Die Musikwissenschaft kann diese Frage nicht beantworten. Man kennt zwar die frühesten Instrumente, die Knochenflöten von Geissenklösterle auf der Schwäbischen Alb; sie sind rund 35000 Jahre alt. Man ist sich jedoch darüber einig, dass die Musik schon lange vorher zum Alltag des Menschen und seiner Vorfahren gehörte. Doch über den eigentlichen Ursprung der Musik, wie sie dem Menschen geschenkt wurde,  ist nichts zu erfahren. 

Mythen, Legenden und Märchen 

Aus einer kleinen zauberhaften Schrift[1]  entlehne ich einige Juwelen. Die griechischen Mythen von Apoll, Dionysos und Orpheus beleuchten unterschiedliche Aspekte:  Apoll mit der siebensaitigen Lyra ist der Musagetes, der Anführer der Musen. Er ist der Gott der Schönheit, und seine Musik ist heiter und beschwingt. 

Von apollinischer Musik ist auch in Märchen die Rede. Ein Mönch ist vom singenden Vogel Phönix fasziniert und geht ihm nach. Als er nach dreihundert Jahren zurückkehrt, zerfällt er beim Klostereingang zu Asche. In einem andern Märchen heilt der Gesang des Phönix einen schwerhörigen König. In einer christlichen Legende spielt ein armer Musikant in einer Kapelle zur Ehre Gottes. Da fällt ein goldener Schuh vor ihn hin. Als er ihn verkaufen will, wird er des Diebstahls verdächtigt, und um sich zu rechtfertigen, spielt er vor Zeugen nochmals in der Kapelle. Da fällt ein zweiter Schuh herab, und die Jungfrau steht barfuss auf dem Sockel. 

Dionysos ist der Gott des Weines und des Rausches. Seine Leier hat längere Saiten als die des Apoll, und mit ihrem dunklen Klang berauscht und entfesselt sie die Sinne.  In einer solchen Ekstase haben Mänaden den Sänger Orpheus zerrissen.  

Es gibt auch dionysische Märchen: Ein schöner Jüngling spielt in Hameln auf einer silbernen Flöte. Die Kinder folgen ihm und sind plötzlich spurlos verschwunden. Besonders dionysisch ist das Wasser: Ein Fischer sass daran, sah nach dem Angel ruhevoll, kühl bis ans Herz hinan. Und wie er sitzt und wie er lauscht, teilt sich die Flut empor, aus dem bewegten Wasser rauscht ein feuchtes Weib hervor… sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm, da war‘s um ihn geschehn. Halb zog sie ihn, halb sank er hin, und ward nicht mehr gesehn. 

Orpheus ist der mythische Sänger der Mitte, zwischen Oben und Unten. Das Märchen vom Königsohn, der als Eselein geboren wurde und mit grossem Fleiss die Laute schlagen lernte, mag hier erwähnt werden. Nachdem es sich im spiegelhellen Wasser eines Brunnens gesehen und als Esel erkannt hatte, zog es in die weite Welt und kam zu einem König, der es seines Spiels wegen schätzte und es bei Tisch neben seine schöne Tochter setzte. Nach einer Zeit wollte das Eselein wieder fort, aber weil der König es liebgewonnen hatte, gab er ihm seine Tochter zur Frau. In der Hochzeitsnacht streifte das Eselein seine Haut ab und war ein herrlicher Jüngling. Auch im Märchen von den Bremer Stadtmusikanten wird wirkungsvoll musiziert, und die vier Tiere sind mit ihren Charakteren ein Bild des harmonisierten Menschen.

In diesen Mythen und Märchen geht es immer um die Wirkungen der Musik. Nur wenig erinnert an das altindische Nada Brahma, den „Klang Gottes“, etwa das schlesische Märchen vom Schmid, der von Gott für seine lebenslange Arbeit mit dem Klang einer Geige belohnt wurde. Oder der Mythos von Zeus, der nach der Erschaffung der Welt auf Wunsch der Götter noch die Musen erschuf, damit das Werk in Worten und Tönen gepriesen werden konnte. Aber über den eigentlichen  Ursprung der Musik erfahren wir nichts. Befragen wir also sie selber. 

Im Anfang war der Rhythmus 

Dieses berühmte Zitat des Klaviervirtuosen und Dirigenten Hans Guido von Bülow (1830 bis 1894) soll uns den Weg weisen. Wenn wir die abendländische Musik nach ihren Rhythmen befragen, zeigt sich zunächst, dass die meisten Werke im geraden Takt (also beispielsweise im 2/4 oder im 4/4-Takt) geschrieben sind. Laufen sie aber in einem Dreiertakt (z.B. 3/4, 3/8, 6/8), so sind sie immer in Gruppen von 2, 4 oder 8 Takten gegliedert, so dass auch hier die Zahl Zwei herrscht. Anhand des 6/8-Taktes, des Walzertaktes lässt sich leicht zeigen, wie das funktioniert: Man tanzt die zwei Dreier-Gruppen rechts-links-rechts und links-rechts-links und beginnt wieder mit rechts.  

Das legt uns den Gedanken nahe, ob nicht alle Musik (auch die geistliche) ursprünglich Tanzmusik war. Irgendwie schiesst uns ja die Musik „ in die Beine“. Sogar beim 5/4-Takt, wie er in Volkstänzen aus dem Balkan vorkommt, sind es zwei (allerdings ungleich lange) Schritte. Und sogar die Polyrhythmen legen sich über einen Zwei-er-Puls, so dass auch sie tanzbar sind. 

Auch in der Notenschrift herrscht die Zwei, denn alle Notenwerte sind Zweierpotenzen: Die Viertelnote hat den Wert 20 = 1, die Halbe 21 = 2, die Ganze 22 = 4 Schläge, die Achtelnote 2-1 = ½ Schlag, die Sechzehntelnote 2-2 = ¼ Schlag. Damit können auch komplizierteste Rhythmen abgebildet werden. 

Die Synchronisationsfähigkeit 

Diese deutliche Dominanz der Zahl Zwei hängt ohne Zweifel mit der erstaunlichen Tatsache zusammen, dass allen Menschen ohne Ausnahme eine wunderbare Fähigkeit in die Wiege gelegt wurde: Wenn uns ein Puls von gleichbleibenden Schlägen vorgegeben wird, können wir ihn ohne weiteres exakt übernehmen. Und wenn wir mit andern Menschen ausschreiten, halten wir automatisch mit ihnen Schritt, und nur mit grosser Anstrengung könnten wir uns dagegen wehren.  

Diese Synchronisationsfähigkeit wird im Militär benützt: das Marschieren im Schritt ist ein Mittel zur Disziplinierung, zum Beispiel in der sogenannten Zugschule. Und in den Wache-Paraden von Diktaturen werden damit lächerliche Kapriolen aufgeführt. Bei einer neuen Sportart in Japan wird gruppenweise synchron geschritten, und zwar, wie Videos zeigen, mit grosser Präzision.  

Doch am allerwichtigsten ist, dass ohne die Synchronisationsfähigkeit keine Musik möglich wäre. Umso weniger ist verständlich, dass die Wissenschaft diese Fähigkeit, über die ausnahmslos alle Menschen, aber nur ganz wenige Tiere verfügen, völlig ignoriert.  

Der Australopithecus 

Die Synchronisationsfähigkeit muss vor ungefähr 2 Millionen Jahren in die menschlichen Gene gelangt sein. Der tiefste Blick in die Vergangenheit des Menschen reicht noch weiter zurück: In Laetoli, etwa 200 km südöstlich vom Viktoriasee in Ostafrika, wurden im Jahr 1978 Fussspuren eines auf zwei Beinen gehenden Individuums gefunden, die vor 3,5 Millionen Jahren in Lava-Asche eingedrückt worden waren (registriert unter G1/34). Sie wurden dem Australopithecus (das bedeutet „Südlicher Affe“) zugeordnet, den man von andern Funden her schon „kannte“. So war bereits im Jahre 1924 in Taung 320 km südwestlich von Johannesburg) der Schädel eines Kindes gefunden worden, und 1973 war in Aethiopien das ungefähr 3,5 Millionen Jahre alte weibliche Teilskelett „Lucy“ (A.L. 288-1) ausgegraben worden.

 Im Jahre 2011 wurde ein 3,2 Millionen Jahre alter 4. Mittelfussknochens eines Australopithecus afarensis gefunden (AL 333-160). Aus der leicht gebogenen Form des Knochens schliessen die Forscher auf ein Längsgewölbe des Fusses, das als Stossdämpfer diente und das Abrollen erlaubte. Der Australopithecus scheint ein Lauftier gewesen zu sein, das durch die Savannen von Ostafrika trabte. Anderthalb Millionen Jahre hat er sich, abgesehen von der Entwicklung zweier Formen, einer robusten im südlichen, und einer grazilen im östlichen Afrika, offenbar kaum verändert. Und obschon er die Hände frei hatte, sind von ihm auch keine Werkzeuge gefunden worden.

 Der homo habilis

 Aus dem Australopithecus entsprang vor rund 2 Millionen Jahren der erste Vertreter der Gattung homo, der homo habilis. Der erste Fund, KNM-ER 1470, stammt aus Olduvai südöstlich des Viktoriasees. Er hat ein steileres Gesicht, sein Hirnvolumen ist deutlich gewachsen, statt 430 cm3 wie beim Australopithecus sind es jetzt zwischen 509 und 674 cm3, und von ihm stammen die ersten Werkzeuge.  Aber durch das zweibeinige gesellige Traben durch die Savanne hatte der Australopithecus die Fähigkeit erworben, den Schritt-Rhythmus der Gruppe  synchron zu übernehmen. Und dank der Synchronisationsfähigkeit konnten diese Menschen miteinander tanzen.

 Die erste Musik 

Der Übergang vom Laufen zum Tanzen war einfach und fliessend: Wenn die Läufer nach stundenlangem Traben in der Savanne ins Camp zurückkehrten, liefen sie einfach  an Ort eine Weile im gleichen Rhythmus weiter, schlugen zu dessen Verstärkung mit Ästen auf tönende Gegenstände und „sangen“ dazu. Dieses gruppenweise synchronisierte Stampfen, Trommeln und „Singen“ (verstärkt durch die Ausschüttung von Wohlfühlhormonen) war ein euphorisches Erlebnis der Gemeinschaft, wie wir es heute noch erfahren können.

So wurde Singen und Tanzen zu einer menschlichen Universalie. Beglückendes gemeinsames Singen und Musizieren ist dafür Zeugnis und Symbol. Und so wurde – aus dem Tanz – die Musik geboren. Aber es ging noch weiter: Gemeinsame Lautäusserungen in diesen Tänzen wurden mit einer Bedeutung belegt und dadurch zu Bausteinen einer primitiven Sprache. Diese Entwicklung vom Tanz über die Musik (das „Singen“) zur Sprache ist das zentrale Ereignis in der Hominisationsepoche. Sie hat zum deutlichen Wachstum des Gehirns geführt. 

Ein Kommunikationssystem für den Menschen 

Die Evolution scheint nach Vollkommenheit zu streben. Nachdem gegen das Ende der Tertiärzeit die Entwicklung der Säugetiere abgeschlossen war, wurden für sie jetzt noch – wie das Millionen Jahre vorher schon bei Insekten geschehen war – Kommunikationssysteme entwickelt. Ausprobiert wurden olfaktorische, taktile und gestisch-mimische Systeme (das letztere ist beim Menschen noch immer stark verankert).  

Aber – wie wir gesehen haben – wählten die Australo-piceen originellerweise zunächst den gemeinsamen Tanz. Denn er ermöglichte synchronisiertes Phonieren, und so setzte sich schliesslich die komplizierte und aufwendige Kommunikation mit Lauten durch, von Mund zu Ohr und zurück, ein wahres Luxusmodell. Hiefür mussten aber mehrere Voraussetzungen erst noch erfüllt werden.

 Anpassung des Kehlkopfs 

Der Kehlkopf ist bei den Säugetieren fast ausschliesslich ein Atmungs- und Geruchsorgan. Für die Verwendung als Stimmorgan war eine grundlegende Anpassung notwendig. So können die Säugetiere keine Laute artikulieren, weil ihr Kehlkopf hochgestellt ist. Ausserdem konnte die sehr viel längere Zunge nur die Mundhöhle, nicht aber den Rachenraum zum Hervorbringen bestimmter Laute verformen. Damit überhaupt Laute gebildet werden konnten, musste der Rachenraum vergrössert werden. Der Kehlkopf senkte sich ab, der Kehldeckel wurde vom Gaumensegel befreit, und der Luftstrom konnte einfacher passieren (allerdings brauchte es nun einen komplizierten Mechanismus, um die Speisen sicher in die Speiseröhre zu leiten). So wurde der supraglottische Raum grösser; durch Verformung mit der Zunge konnten nun Vokale gebildet werden. Auch die Stimmbänder und die entsprechenden Muskeln und Nerven zur Kontrolle des Atems entwickelten sich über die Jahrtausende. Heute ist das menschliche Stimmorgan ein Wunder an Perfektion und Differenziertheit. 

Die Kontrolle des Atems

Um kontinuierliche Laute und Lautfolgen produzieren  zu können, war die Kontrolle des Atems nötig. Das Zwerchfell bedurfte also einer nervlichen Steuerung.  

Die Fähigkeit zum Imitieren von Lauten 

Auch diese äusserst anspruchsvolle und komplizierte Fähigkeit, die wir heutigen Menschen als selbstverständlich hinnehmen, musste in dieser Zeit zuerst erworben werden. Ein vom Ohr aufgenommenes Sprach- oder Tonmuster musste mit dem Mund reproduziert werden. Das Ohr musste also befähigt werden, die Phonation, das heisst die Atmung und die Sprechmuskeln, zu kontrollieren und zu steuern, eine äusserst komplexe Aufgabe. Die sprachliche Lautproduktion ist denn auch die differenzierteste motorische Leistung des Menschen. 

Das Symbolisieren     

Die Idee, „etwas mit einem Namen zu belegen“, bezeichnet die Philosophin Susanne Langer[2]   als „den fruchtbarsten Gedanken aller ZeitenAuch diese Fähigkeit musste erst erworben werden; bei den Säugetieren sucht man sie vergeblich. Zur Symbolisierung waren Rituale nötig, damit die Zuordnung gemeinsam artikulierter Phoneme als Symbole zu bestimmten Dingen für alle  verbindlich wurde.Susanne Langer hat wohl als Erste darauf hingewiesen, dass auch Musik – wie Sprache – ein Symbolsystem ist.

Alle diese Anforderung sind im Laufe von Jahrtausenden erfüllt worden. Damit ist der Kehlkopf von einem reinen Atem- und Geruchsorgan zu einem perfekten Stimmorgan geworden.

 Meine These  

Die Hominisationsepoche begann ungefähr 2,3 Millonen Jahre vor heute und dauerte bis zum Auftauchen des ho-mo sapiens vor 100’000 Jahren. 

Ausgelöst wurde diese Entwicklung durch die Fähigkeit zur Synchronisation, erworben dank der bipeden Fortbewegung seit anderthalb Millionen Jahren. 

Die Synchronisationsfähigkeit ermöglichte rituelle Tän-ze, begleitet von auf Gegenstände geschlagenen Zweier-Rhythmen, der ersten Musik. 

Gemeinsame Lautäusserungen in diesen Tänzen wurden symbolisiert und so zu Bausteinen einer primitiven Sprache. 

Die Entwicklung einer primitiven Sprache ist das zentrale Ereignis in der Hominisationsepoche und hat zum deutlichen Wachstum des Gehirns geführt. 

Indizien

 Beweise für diese Vermutungen gibt es nicht. Immerhin könnten die Windungsmuster im linken Stirnbereich der Schädelkalotte des homo habilis von Olduvai auf ein Sprachzentrum  hinweisen (dort befindet sich bei uns das motorische Sprachzentrum Broca), die Rechtshändigkeit der Werkzeuge auf eine Lateralisierung des Gehirns, der Mittelfussknochen auf die Lauffähigkeit des Australopi-thecus. Ein starkes Indiz ist die Entdeckung der Nervenkanäle für den nervus phrenicus beim homo ergaster: Es ist der Beweis, dass unsere Vorfahren schon vor 1,8 Millionen Jahren den Atem kontrollieren konnten und damit fähig waren, Lautfolgen und kontinuierliche Töne zu erzeugen. Ob das Gen FOXP2, das über die Basalganglien (welche durch starke Nervenstränge mit dem Broca-Zentrum verbunden sind) die Sprachfähigkeit steuert, wirklich schon vor 1.8 Millionen Jahren mutiert oder erst, wie ursprünglich berechnet  vor 150'000 Jahren, ist noch nicht gesichert.[3]  

Eine Reihe von Hinweisen liefert das von Ernst Häckel 1866 postulierte Biogenetische Grundgesetz, wonach in der Ontogenese (der Entwicklung eines Individuums) eine Rekapitulation der Philogenese (der Menschheitsentwicklung) abläuft. So hat ein heutiges Neugeborenes noch einen hochgestellten Kehlkopf, Nahrungsweg und Luftstrom sind getrennt, die Milch fliesst um den Kehldeckel herum direkt in die Speiseröhre, während die Luft von der Nase her durch den Kehlkopf zur Lunge gelangt. Die Zunge ist noch so lang, dass der Säugling imstande wäre, damit die Nase zu putzen! Im Laufe des ersten Lebensjahres senkt sich der Kehlkopf um einen bis zwei cm, die Zunge verkürzt sich, und so wird nun die Bildung von Vokalen möglich. Die ersten „Wörter“ des Säuglings sind Reduplikationen (mama, papa, pipi). 

Das Belohnungssystem 

Die erstaunlichen Entwicklungen hin zum Menschen wurden angetrieben von einem komplizierten System von Belohnungen, die sich ebenfalls in der Zeit der Vormenschen herangebildet haben muss. 

Diese Hormongaben haben offensichtlich die Entwicklung des Menschen in eine bestimmte Richtung gelenkt. Nach dem Neurologen Joachim Bauer[4] waren soziale Gemeinschaft und gelingende Beziehungen mit andern Individuen das natürliche Ziel der Motivationssysteme. In diesem Fall ging darum, dass die Individuen Freude und Glück empfanden beim Singen und Tanzen, so dass sie es immer wieder tun wollten. 

Wenn wir etwas Schönes erleben, wird im Stammhirn der Neurotransmitter Dopamin freigesetzt, was sowohl im Innern des Gehirns wie in der frontalen Hirnrinde zu Reaktionen führt: Einerseits werden Endorphine ausgeschüttet, die Glücksgefühle auslösen, andererseits Strategien entwickelt (und durch den Hippocampus im Langzeitgedächtnis gespeichert), um diese Glücksgefühle erneut erleben zu können. 

Auch gemeinsames Tanzen und Singen wird belohnt, indem nicht nur Dopamin, sondern auch das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet werden. Gleichzeitig wird ausser dem Stresshormon Cortisol auch das Aggressionshormon Testosteron abgebaut. 

Natürlich entwickelte sich diese ganze Palette nicht von heute auf morgen. Dabei ist auch zu beachten, dass das Instrument für diese Entwicklungen vorerst gar nicht vorhanden war, weil der Kehlkopf noch nicht abgsenkt war. In der Philogenese (der Entwicklungsgeschichte des Menschen) benötigte diese Absenkung – sie manifestiert sich durch eine stärkere Knickung an der Schädelbasis – bei unseren Vorfahren eine lange Zeit. Nachgewiesen ist die Knickung bisher erst vor 300‘000 bis 400‘000 Jahren, also gegen den homo sapiens zu. Man vermutet jedoch, dass diese Entwicklung bereits beim homo erectus, eventuell sogar schon beim homo habilis, also vor rund zwei Millionen Jahren, eingesetzt hat. Aber erst nach mehr als anderthalb Millionen Jahren, beim homo sapiens, war der Kehlkopf genügend abgesenkt, um die der heutigen Sprache als Grundlage dienenden Laute hervorbringen zu können.

Sprache, Bewusstsein und Vernunft 

In der Symbolisierung, als die Dinge benannt wurden, erhielten nicht nur Dinge, sondern auch Individuen einen Namen. Das einzelne Individuum sah sich also benannt, es erkannte, dass es einen Namen hatte, und so wurde es sich seiner selbst bewusst. Das war ein gewaltiger und folgenschwerer Wendepunkt: Damit konnte sich der einzelne Vormensch aus dem kollektiven Bewusstsein der Gruppe emanzipieren und sein eigenes Bewusstsein und damit sein eigenes Denken aufbauen. Ohne Bewusstsein seiner selbst kann man nicht denken. Und Denken bedarf der Sprache. Wir denken in sprachlich gefassten Begriffen. 

In der Philogenese könnte das vor ungefähr 100000 Jahren geschehen sein, als der Mensch weise, „sapiens“ wurde, mit einem Wort: als er endgültig zum Menschen wurde. 

Zusammenfassung  

Mit grosser Wahrscheinlichkeit hat sich die Menschwerdung wie folgt abgespielt: 

  • Die Australopiceen hatten in anderthalb Millionen Jahren bipeden Laufens in der Savanne die Fähigkeit der Synchronisation erworben. Das ermöglichte ihnen, mit einander zu tanzen. Sie unterstützten den Rhythmus durch Schläge auf tönende Gegenstände und durch rhythmische Lautäusserungen.
  • Das war die erste Musik, und gemeinsam gesungene Phoneme wurden symbolisiert und zu Bausteinen einer primitiven Sprache.
  • Dadurch wurde die Entwicklung des Gehirns mächtig stimuliert. So lässt sich das deutliche Wachstum des Gehirnvolumens beim homo habilis erklären.
  • Die Sprachentwicklung hat die Urmenschen zu Menschen gemacht. Aber erst durch die Musik war die Sprache ermöglicht worden.
  • Wir dürfen also festhalten, dass die Musik in der Menschwerdung eine entscheidende, wenn nicht sogar die allerwichtigste Rolle gespielt hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



[1]Gertrud Hofer-Werner: Die Bedeutung der Musik in Mythen und Märchen. Schriften zur Harmonik. 1998.

[2]Langer, S.K. Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst, Frankfurt a.M. 1965.

[3]Enard, W.  et al: Molecular evolution of FOXP2, a gene involved in speech and language. Nature 418, 869-872.

[4]Bauer, Joachim: Prinzip Menschlichkeit. Hoffmann und Campe. 2006.

 

 

Memorandum zum Boden

Warum steigen die Mieten?Die Zinsen für Hypotheken waren noch nie so tief wie heute. Trotzdem werden – besonders in den Städten – die Mietzinsen erhöht, häufig ohne dass wertsteigernde Renovationen ausgeführt wurden, und obschon die Gebäude eigentlich altern und deshalb an Wert verlieren müssten. Schuld daran sind die Bodenpreise, die in den letzten Jahren stetig gestiegen sind; deshalb steigen auch die Verkehrswerte der Liegenschaften.

Es gibt sogar Orte, wo der Bodenzins, die sogenannte Grundrente, bis zu 80% des Wertes einer Liegenschaft ausmacht, etwa an der Spitalgasse in Bern oder an der Bahnhofstrasse in Zürich. Die Eigentümer solcher Parzellen kassieren damit Millionen, ohne dass sie einen Finger rühren müssen. Die Ladeninhaber ihrerseits aber wälzen die Belastung auf die Kunden ab, so dass die Grundrente letztlich von uns allen über die Preise der Waren berappt wird. Es drängen sich Fragen auf: Gehört der Boden nicht uns allen? Und

Gibt es für privates Grundeigentum eine Rechtsgrundlage?

Die geschichtlichen Quellen bestreiten es:

  • In Psalm 24, Vers 1 steht: „Des Herrn ist die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und die darauf wohnen.“ Und im 1. Korintherbrief 10, Vers 26 wird es wiederholt: „denn des Herrn ist die Erde und das, was sie erfüllt.“

  • Im biblischen Israel war der Boden Gottes Lehen. Er war nicht verkäuflich und war ausschliesslich im Besitz derer, die ihn bebauten. In jedem siebenten Jahr wurden die Felder nicht bepflanzt, und nach 50 Jahren erlosch der Bodenbesitz.

  • Thomas von Aquin hat die gerechte Verteilung des Grundeigentums, die alle andern Verhältnisse vorbestimme, als wichtigste Aufgabe des Staates bezeichnet.

  • Der englische Philosoph und Volkswirtschafter John Stuart Mill (1806-1873) schrieb: „Kein Mensch hat das Land geschaffen. Es ist das ursprünglichste Erbteil der ganzen Menschheit.“

  • Von John Locke stammt das Zitat: „Gott gab die Welt den Menschen gemeinsam.“

  • Jean-Jacques Rousseau sagte es so: „Der erste, der ein Grundstück einzäunte und sagte: das ist mein!, und einfältige Leute fand, die es ihm glaubten, war der wahre Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viel Verbrechen, Krieg oder Mord, wie viel Elend und Schrecken hätte derjenige unserem Geschlecht erspart, der die Pfähle ausgerissen, die Gräben verschüttet und seinen Genossen zugerufen hätte: Hütet euch, diesem Betrüger zu glauben, ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören, die Erde aber niemandem.“

    Privates Grundeigentum ist geraubt

    Trotzdem hat sich das Eigentum an Grund und Boden für Einzelne im Laufe der Geschichte durchgesetzt. Diese ‚Appropriation’ (Max Weber) muss zu Beginn immer ein Raub gewesen sein, das Wort privat (französisch privé = geraubt) verrät es. Schon im alten Rom gab es den Begriff praedium für Landgut, abgeleitet von praedare (rauben, plündern.

    Im Frühmittelalter kamen die freien Bauern, durch die ständigen Kriege ruiniert, in die Abhängigkeit von Feudalherren. Als Vasallen genossen sie den Schutz des Lehensherrn, dafür hatten sie Kriegsdienst und Abgaben zu leisten. Aber diese ursprünglich auf Gegenseitigkeit beruhende Lehenspflicht wurde zur Untertänigkeit im Feudalsystem.

    Im Absolutismus des 17. und 18. Jahrhunderts (besonders in Frankreich) waren alle Menschen Untertanen, aber nur die Geistlichkeit (1. Stand) und die Adligen (2. Stand) durften Grund und Boden besitzen.  Die Französischen Revolution gewährte dieses Privileg nun auch dem dritten Stand, als Ausdruck und Symbol der neu gewonnenen Freiheit. Nach der Revolution erliess die französische Nationalversammlung am 26. August 1789 die Erklärung der „natürlichen und unantastbaren" Menschenrechte, wo es im Artikel 17 heisst: Da das Eigentum ein unverletzliches und geheiligtes Recht ist, kann es niemandem genommen werden.

    Das Jahrhunder des Kapitals

    Dank dieser Heiligsprechung wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts die Formulierung „Das Eigentum ist gewährleistet" in die demokratischen Staatsverfassungen eingefügt und 1948 in die Erklärung der Menschenrechte der UNO. Damit wurde der Status der Heiligkeit noch gefestigt. Heute steht das Eigentum  (womit vor allem das Grundeigentum gemeint ist) zuoberst auf der Liste unserer Götzen.

    Im 19. Jahrhundert erlebte der Kapitalismus in Europa seine Blütezeit und zwar zum grossen Teil infolge der Reichtümer, die die europäischen Mächte aus ihren Kolonien zogen. Die Ausbeutung anderer Erdteile durch Raub, ungleichen Handel und Zwangsarbeit waren die grossen, unentbehrlichen Voraussetzungen für das Gedeihen des europäischen Kapitalismus. Die Schätze, die aus Asien und Amerika nach Europa fluteten, ermöglichten und bewirkten die gewaltige Industrialisierung Englands und zugleich eine Umwälzung in den Beziehungen des Westens zum Osten. Riesige Kapitalien wurden in Tee-Plantagen, Strassen- und Eisenbahnbauten angelegt. Von den Anleihen für indische Eisenbahnen blieb gleich ein Drittel für Unkosten und Spesen in England, etwas weniger als ein Drittel wurde für Verwaltungskosten und Zahlungen an englische Ingenieure verwendet und etwas mehr als ein Drittel für englisches Material an Schienen, Maschinen und dessen Transport auf britischen Schiffen nach Indien.

    Die Verfassungstexte

    Während im deutschen Grundgesetz das Eigentum nur im Rahmen der Gesetze gewährleistet wird, ausdrücklich sozialpflichtig ist (‚Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen’) und die Entschädigung bei Enteignung ‚unter gerechter Abwägung’ bestimmt wird, ist die Gewährleistung in der Schweizer Bundesverfassung unbedingt, und bei Enteignung muss voll entschädigt werden. Von Sozialpflicht des Eigentums ist hier keine Rede.

    Zusammengefasst

    kann gesagt werden, dass Eigentum an Grund und Boden ursprünglich geraubt wurde, das heisst unter Anwendung von Gewalt und ohne rechtliche Grundlage. Im 19. Jahrhundert wurde das Grundeigentum legitimiert, und zwar in den Verfassungen der Staaten, also der höchsten Instanz. Heute ist alles Bodeneintum rechtmässig erworben.

    Aber auch dank dem Grundbesitz wächst die Ungleichheit global unaufhaltsam. Denn weil der Boden nicht vermehrbar ist, steigen die Bodenpreise stetig und ungebremst, und die Reichen und Superreichen bedienen sich. In der Schweiz gibt es zwar noch immer viele traditionelle mittelständische Hausbesitzer, doch es werden immer weniger. Bei grossen Wohnblöcken sind die Besitzverhältnisse meist intransparent; die Mieter sehen sich einfach der ‚Verwaltung’ gegenüber, und die Milliardäre, die dahinter stehen, bleiben anonym. Die Vermutung liegt nahe, dass viel ausländisches Kapital beteiligt ist. Die Grundrente aber, das millionenschwere arbeitslose Einkommen der Besitzer, zahlen wir nicht nur über die Mieten, sondern auch in allen Preisen.

    Die Französische Revolution hat ihre Parole Gleichheit damit ungewollt verraten und sogar das Gegenteil bewirkt. Denn nun steht einer Minderheit von Besitzenden die riesengrosse Mehrheit der Boden-Habenichtse gegenüber.

    Was können wir tun?

    Wenn wir nicht wollen,

  • dass die Bodenpreise im gleichen Ausmass steigen wie bisher,

  • dass dadurch die Mieten steigen und der Anteil der Bodenrente an allen Preisen und Löhnen sich von bisher 30 auf gegen 50% erhöhen wird,

  • dass sich die Städte entmischen, weil die weniger Verdienenden der hohen Mieten wegen in billigere Quartiere ausweichen müssen,

  • dass sich die Hochpreisinsel Schweiz stabilisiert, der Mittelstand weiter absinkt, der soziale Friede stärker gefährdet wird,

    dann müssen wir etwas unternehmen. Zuallererst brauchen wir

    Transparenz.

    Wir brauchen klare Fakten, die uns vorderhand verweigert werden. Zwar sind die Daten der Grundbücher nicht geheim, aber es fehlt eine anonymisierte Statistik über den Bodenbesitz: Grösse der Parzelle, bezahlter Preis pro m2, überbaut oder nicht, sind die Besitzer Schweizer, Ausländer, Korporationen, Finanzgesellschaften? Erst wenn diese Daten bekannt sind, hat die Diskussion einen Sinn.

    Es gibt Lösungsansätze

  • Beschränkung des Bodenbesitzes für Ausländer.

  • Steuerfreiheit für selbstgenutztes Grundeigentum.

  • Kräftige Besteuerung der Bodenrente bei Fremdnutzung.

  • Grundeigentum beschränken auf eigene Nutzung (privat oder industriell).

  • Grundeigentum beschränken auf die Lebenszeit. Diese Möglichkeit wurde zwischen 1789 und 1804, während der Erarbeitung des code civil diskutiert.

  • Beschränkung des Erbrechts für Boden: Auf zwei oder drei Generationen, auf eine bestimmte Parzellengrösse, auf 100 oder 150 Jahre.

  • Rückkauf des Bodens durch die Gemeinden.

  • Bodenobligationen

  • Allgemein müssten Massnahmen ergriffen werden, die Bodeneigentum unattraktiv machen (ausser bei Eigennutzung).

    Das müssen wir tun

  • Ausführliche Diskussion ohne Tabus mit ausgewiesenen Experten aus allen Lagern.

  • Aufklärungsarbeit über die Folgen einer im gleichen Stil ungebremst weiterlaufenden Entwicklung im Bodenmarkt.

  • Überzeugungsarbeit in den Gemeinden mit dem Ziel, dass sie keinen Boden mehr verkaufen, aber solchen zu kaufen suchen (und nur im Baurecht abgeben).

  • Entwicklung einer zielorientierten Bodenpolitik.                                                                                                        Ernst Waldemar Weber.