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Die folgenden Inhalte stammen aus meinem Buch "Bessere Bildung mit mehr Musik", Seiten 53 bis 87

5.5  Die Koordination Musikerziehung Schweiz KMS

5.5.1    Die neue Bundesverfassung

5.5.2    Das Maturitätsreglement MAR

5.5.3    Die neue Lehrerbildung

5.5.4   Jugend+Musik                                                               

5.5.4.1  Mein Konzeptentwurf                                                              

5.5.4.2  Finanzierung                                                                  

5.5.4.3  Eine Stiftung Jugend+Musik                                          

5.5.4.4  Ein Signet für Jugend+Musik                               

5.5.4.5  Das Projekt                                                                   

5.6        Der Schuss in den Rücken

5.7        „Aufgaben der KMS“                                                      

5.8        Ein Gesetz über Musikerziehung                                

5.8.1     Der Auftrag                                                                     

5.8.2     Der Gesetzesentwurf                                                     

5.8.3     Die Motionen                                                                  

5.8.4     Allgemeine Argumente                                        

5.8.5     Der Rechenschaftsbericht                                             

5.8.6     Der letzte, vergebliche Anlauf endet im Mobbing

5.9        Der dritte Brief an die Erziehunsdirektionen                  

5.10      Der Hinauswurf                                                              

5.10.1    Vergebliche Hilfesuche bei den Delegierten                

5.11       Kritische Rückschau                                                     

5.12      Nachtrag zur Initiative Jugend+Musik   

                        

Ausgehend von der Frage: 'Wer vertritt die Schweiz in musikpädagogischen Belangen im Ausland?' und angesichts dringender Problemstellungen in der schweizerischen Schullandschaft hat die SKSM im Jahr 1995 auf meinen Vorschlag hin die 'Koordination Musikerziehung Schweiz' KMS ins Leben gerufen. Dieser Organisation gehörten der Eidgenössische Musikverband EMV, der Eidgenössische Jugendmusikverband EMJV, der Eidgenössische Orchesterverband EOV, die Schweizerische Chorvereinigung SCV, der Schweizerische Kirchengesangsbund SKGB, der Verband Musikschulen Schweiz VMS, die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Jugendmusik und Musikerziehung SAJM, der Schweizerischer Musikpädagogische Verband SMPV, die Arbeitsgemeinschaft der Schulmusik-Seminarleiter und die Schweizer Konferenz Schulmusik SKSM an. Die Leitung der KMS wurde der SKSM übertragen, auch hier übernahm ich das Sekretariat. Das gab mir eine weitere Gelegenheit, meine Ideen einzubringen.

Bereits innerhalb des Jahres 1996 hat die KMS drei grosse Brocken verarbeitet:

  • Zunächst war sie an der Vernehmlassung zur Reform der Bundesverfassung beteiligt und hat unter anderem vorgeschlagen, den Artikel über Turnen und Sport um 'Musik' zu erweitern.

  • Dann hat sie sich intensiv mit dem neuen Maturitäts-Anerkennungs-Reglement MAR und seinen Auswirkungen auf die Kunstfächer Musik und Zeichnen/Bildnerisches Gestalten auseinandergesetzt und sich mit den daraus resultierenden Empfehlungen an die einzelnen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren gewandt.

  • Schliesslich ging es um die Umsetzung der 'Empfehlungen' der EDK vom Oktober 1995 und damit um die zukünftige Gestaltung der Lehrerbildung in den Kantone.  

5.5.1 Die neue Bundesverfassung

In unserer Eingabe vom 27. Februar 1996 stellten wir dem Vorschlag des Bundesrates:

Art. 74   Turnen und Sport

1 Der Bund kann Vorschriften erlassen über Turnen und Sport der Jugend.

2 Er fördert Turnen und Sport der Er­wachsenen und unterhält eine Sportschule

die folgende Version gegenüber:

Der Bund kann Vorschriften erlassen über Musik, Turnen und Sport der Jugend.

2 Er fördert Musik, Turnen und Sport der Erwachsenen und unterhält ein musikalisches Schulungszentrum und eine Sportschule.

Durch Vermittlung von Nationalrat Tschäppät konnte ich Nationalrat Remo Gysin dafür gewinnen, das Anliegen in der Verfassungskommission des Nationalrats zu vertreten. Allerdings hatte es in der vorgeschlagenen Form offenbar keine Chance, und so formulierte Gysin, mit dem ich in Kontakt blieb, einen entsprechenden Text als Ergänzung im Kulturartikel: „Der Bund kann kulturelle Angelegenheiten von gesamtschweizerischem Interesse unterstützen, sowie Kunst und Musik, insbesondere im Bereich der Ausbildung, fördern.“ In der Subkommission 3 kam er damit knapp durch, unterlag aber in der Gesamtkommission. Daraufhin übernahm Nationalrat Ostermann die Formulierung als Minderheitsantrag, der schliesslich im Nationalrat knapp angenommen wurde.

Da der Musikrat im Hinblick auf die entscheidende Verhandlung im Ständerat nichts unternommen hatte und die Verfassungskommission des Ständerates darauf gar nicht eingehen wollte (das hatte mir Frau Ständerätin Forster mitgeteilt),, wandte ich mich im Namen der KMS im letzten Moment an Herrn Ständerat Danioth. Es gelang mir, ihn für unser Anliegen zu gewinnen, und ich alimentierte ihn mit unseren Argumenten. Drei Tage später stimmte der Ständerat nach einem feurigen Plädoyer von Hans Danioth – mit unseren Argumenten – dem Antrag Ostermann mit 21 zu 10 Stimmen zu. Ohne meine Intervention wäre der Antrag Ostermann sang- und klanglos untergegangen.     

Im April 1999 nahm das  Schweizervolk die revidierte Verfassung und damit auch den Artikel 69.2 an, an dessen Geburt ich massgeblich beteiligt war. In der Sprachregelung des Musikrates hiess es nun, der Erfolg sei „dem Einsatz aller Kräfte“ zu verdanken, aber das stimmt gerade bezüglich des Musikrates nicht: Kein einziges der positiven Voten im Nationalrat hatte mit dem Musikrat zu tun, und beim Ständerat haben die Verantwortlichen des Musikrates schlicht geschlafen. Übrigens hat sich der Musikrat seinerzeit auch nicht – wie das fälschlicherweise in einem Jahresbericht steht – an der Vernehmlassung zur Bundesverfassung beteiligt.

5.5.2   Das Maturitäts-Anerkennungs-Reglement MAR

Schon am 19. Januar 1996 befasste sich der Ausschuss der KMS mit dieser Verordnung des Bundesrates, die am 1. August 1995 in Kraft getreten war und den Kantonen 8 Jahre Zeit liess, um sie umzusetzen. Weil mit der neuen Lehrerbildung zukünftig eine Matura vorweisen musste, wer Lehrerin oder Lehrer werden wollte, hätten nach unserer Meinung die Gymnasien in die Lücke springen und dafür sorgen müssen, dass die zukünftigen Lehrkräfte in der Musik sattelfest werden.

Die KMS wandte sich im Mai 1996 mit einem Brief aus meiner  Feder an die Erziehungsdirektorinnen und -direktoren; er lautete:

Sehr geehrter Herr Regierungsrat (… Frau Regierungsrätin),

die Koordination Musikerziehung Schweiz vertritt als Dachorganisation die Verbände EMV Eidge­nössischer Musikverband, EOV Eidgenössischer Orchesterverband, SCV Schweizerische Chorver­einigung, VMS Verband Musikschulen Schweiz, SAJM Schweizerische Arbeitsgemeinschaft Jugend und Musik, SNWV Schweizerischer Musikpädagogischer Verband, Arbeitsgemeinschaft der Schulmusik-Seminarleiter und SKSM Schweizer Konferenz Schulmusik.  Durch diese breite Abstüt­zung sind wir sowohl legitimiert wie verpflichtet, uns zur Umsetzung des MAR zu äussern, und wir erwarten, dass wir unserem Gewicht entsprechend angehört werden.

Wir wenden uns an Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen, weil wir in Sorge sind und feststellen mussten, dass die Kunstfächer und damit auch die Musik nicht in allen Kantonen ihrer Bedeutung entsprechend eingebaut werden sollen.

Der Musikunterricht trägt Wesentliches bei zur ganzheitlichen Ent-wicklung des Menschen durch eine harmonische Ausbildung der emotionalen, rationalen und psychomotorischen Kräfte.  Er fördert Intui­tion und Kreativität.  Die Sensibilisierung der Jugendlichen für die ästhetischen Qualitäten musika­lischer Kunst, das seelische und körperliche Erleben und das Be­wusstwerden von Ordnungsprinzipien und künstlerischen Freiheiten, von Spannung und Entspannung, von Konsonanz und Dissonanz sollen geweckt und gefördert werden.  Im Umgang und in der Auseinandersetzung mit der Musik werden für die Lebensbewältigung entscheidende Haltungen - soziales Handeln, Geduld, (Selbst-) Disziplin, Konzentrationsfähigkeit - gefördert. (Diese Sätze stammen nicht etwa von uns, sie sind zitiert aus dem von der EDK erarbeiteten und beschlossenen Rahmenlehrplan für die Maturitätsschulen.) Dar­über hinaus weisen neuere Forschungen darauf hin, dass Musik als autonome Geistestätigkeit mit einem eigenen Symbolsystem seit Jahrtausenden unlösbar zum Menschen gehört und nicht vernachläs­sigt werden darf.  In diesem Zusammenhang weisen wir hin auf die Ergebnisse der Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht und auf eine Studie von Dr. Alfred Zürcher, wonach die Maturanoten von Schülern der Kantonsschule Aarau, die das Fach Musik gewählt hatten, deutlich über dem Durch­schnitt liegen.

Es gibt aber auch einen praktischen und handfesten Grund, weshalb die Kunstfächer und insbesondere die Musik im Fächerkanon der Maturitätsschulen einen gewichtigen Platz einnehmen müssen, nämlich den Zusammenhang mit der Lehrerbildung.  Diese soll ja zukünftig (gemäss den 'Empfehlungen' der EDK vom Oktober 1995) in allen Kantonen auf tertiärer Stufe erfolgen, und damit geht die Verant­wortung für die umfassende Vorbildung zum Lehrerberuf von den Lehrerseminaren auf die Gymna­sien über.  Während die Pädagogische Hochschule die beruflichen Qualifikationen zu vermitteln hat, müssen die fachlichen Kompetenzen auf Grund breiten Wissens und Könnens im Gymnasium erarbei­tet werden; und dazu gehören unabdingbar auch die musischen Fächer.

Lehrkräfte vom Kindergarten bis zum 6. Schuljahr erhalten ein integrales Patent, weil sie in aller Regel Klassenlehrer sind und sämtliche Fächer, also auch Musik und Zeichnen unterrichten müssen, und zwar nicht irgendwie, sondern gemäss Lehrplan.  Dazu sind sie aber vor allem im Fach Musik nur dann in der Lage, wenn sie sich bereits in der Jugend entsprechende Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten angeeignet haben: sie müssen sich in der Musiktheorie auskennen, gut singen und ein Instrument spielen können.  Im Erwachsenenalter ist es für den Aufbau grundlegender Kompetenzen zu spät, und in der Pädagogischen Hochschule, wo die Musik zwar sorgfältig gepflegt werden sollte, steht dafür keine Zeit mehr zur Verfügung.  Daher sollten sowohl Musik wie Bildnerisches Gestalten während der gesamten Gymnasialzeit belegt werden können, das eine Fach als Schwerpunkt- das andere als Ergänzungsfach.  Instrumentalunterricht sollte obligatorisch sein für alle Schülerinnen und Schüler mit Musik als Schwerpunktfach; für solche mit Musik als Ergänzungsfach wäre obligatori­scher Instrumentalunterricht zumindest wünschbar.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich die folgenden Forderungen:

Bei den Grundlagenfächern sollten sowohl Zeichnen/Bildnerisches Gestalten wie Musik in der Quarta mit je 2 Lektionen dotiert, nachher jedoch wahlweise mit 2 Lektionen angeboten werden.  Damit ergeben sich für den Bereich Kunstfächer total 10 Lektionen oder 8% von 125 Lektionen (verlangt sind 5-10%).

Als Schwerpunktfach sollte die Musik vier Jahre hindurch angeboten werden, und zwar mit 18 Lektio­nen (wie das in den Kantonen Bern und Solothurn bereits vorgesehen ist).  Auch als Ergänzungsfach sollte sie mit 6 Lektionen (wie in Bern und Solothurn) dotiert sein. Die vorgeschlagenen total 24 Lektionen im Wahlbereich ergeben 19,2% und liegen damit, auch wenn die Maturaarbeit noch auf­zurechnen ist, im verlangten Bereich von 15-25%.

Das Fach Musik ist höchst anspruchsvoll; es muss daher von unmotivierten Leuten verschont werden.  Falls eine Aufnahmeprüfung nicht möglich ist, wäre ein Probesemester vorzusehen.  Ausserdem sollte für alle Gymnasiasten Chor und Ensemblespiel als Freifach angeboten werden.  Wünschbar wären - auf interkantonaler oder regionaler Ebene - Klassen für musikalisch Hochbegabte, die am Konservatorium studieren und gleichzeitig die Matura erwerben möchten.

Wir hoffen, sehr geehrter Herr Regierungsrat, dass Sie unseren Überlegungen im Interesse der 'Jugendlichen, die nicht nur eine intellektuelle Schulung, sondern zusätzlich eine breite, ausgewoge­ne, auch musische Bildung und die Entwicklung und Festigung ihrer Persönlichkeit anstreben' (Zitat aus dem Rahmenlehrplan für die Maturitätsschulen) die gebührende Beachtung schenken und grüssen Sie …

Bis zum 13. Juni hatten 12 Erziehungsdirektor(inn)en auf unser Schreiben geantwortet. Im Kanton Glarus, wo die neue Regelung bereits in diesem Jahr in Kraft trat, zeigte sich allerdings, dass nur 3 Gymnasiasten das Schwerpunktfach Musik wählten, wobei es trotzdem durchgeführt wurde. Wir überlegten, ob es Im Blick auf die Lehrerbildung nicht besser gewesen wäre, für beide Kunstfächer als obligatorische Grundlagenfächer durchgehend zwei Lektionen zu fordern, und wir nahmen uns vor, das in der Lehrerbildungseingabe nachzuholen.

Besonders erwähnen möchte ich die Antwort des bernischen Erziehungsdirektors Peter Schmid, der damals Präsident der EDK war. Er schrieb unter anderem:

Die von Ihnen aufgeführten Erläuterungen und Begründungen haben uns veranlasst, im Kanton Bern aus einem Teil der Seminare Maturitätschulen mit den besonderen Schwerpunkten im musischen Bereich entstehen zu lassen. Für die Grundlagenfächer im Bereich Kunst haben wir einen Umfang von 8% als Planungsvorgabe festgelegt. Das Schwerpunktfach Musik sieht zudem obligatorischen Instrumentalunterricht vor. Ferner soll versucht werden, an einer Maturitätschule Hochbegabte in den Bereichen Kunst, Musik und Sport besonders zu fördern.

Und gefreut hat mich natürlich auch der letzte Satz: Für Ihren unermüdlichen Einsatz zugunsten der Musikerziehung danke ich Ihnen bestens und ich hoffe, dass Sie Verständnis für meine Zurückhaltung in der Beeinflussung meiner Kolleginnen und Kollegen (der EDK) zeigen.

Tatsächlich wurde, wie ich es vorgeschlagen hatte, am ehemaligen Seminar Hofwil eine Gymnasialklasse für Hochbegabte eingerichtet, die seither bestens funktioniert.

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5.5.3  Die neue Lehrerbildung

Auf Grund der „Empfehlungen“ zur Lehrerbildung und zu den Pädagogischen Hochschulen der EDK vom 26. Oktober 1995 hatten die Kantone 10 Jahre Zeit zur Anpassung. Auch mit diesem Thema befasste sich der Ausschuss der KMS bereits am 19. Januar 1996. Der zu verarbeitende Berg an Unterlagen war hier am allergrössten. Und die Gefahr, dass Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen und Lehrer zukünftig ohne genügende musikalische Fähigkeiten in ihren Klassen stehen und damit die breite Verankerung unserer musikalischen Kultur gefährden würden, war allen Beteiligten bewusst. Im September sandten wir allen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren gemeinsam mit dem Schweizer Musikrat einen von mir entworfenen und vom Ausschuss überarbeiteten Brief und legten unsere Forderungen bei:

Forderungen zur Lehrerbildung

Grundsätzlich begrüssen wir es, dass alle Lehrkräfte für die obligatorische Schule künftig an Pädagogischen Hochschulen ausgebildet werden sollen. Dabei zählen wir darauf, dass keine Billiglösungen angeboten und überall die geforderten 3 Jahre Ausbildungsdauer eingehalten werden. Mit allem Nachdruck möchten wir darauf hinweisen, dass die musikalische Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer für die Kultur unseres Landes von entscheidender Bedeutung ist und daher mit gezielten Massnahmen sichergestellt werden muss. Diesbezüglich erachten wir die Formulierung  im  bernischen Lehrerbildungsgesetz (für die Ausbildung zum Primarlehrer der Eingangs- und der Primarstufe) als beispielhaft: 'Die Zulassung .... setzt überdies Fähigkeiten, Kenntnisse und Fertigkeiten in Musik sowie in zeichnerisch/bildnerischem Gestalten und Werken voraus' (Art. 5.1).

Es ist zu unterscheiden zwischen Lehrkräften der Eingangsstufe und der Primarstufe einerseits und der Sekundarstufe I anderseits.

Lehrkräfte der Eingangsstufe (-2 bis +2) und der Primarstufe (3 bis 4, 5, 6)sind als Allrounder auszubilden, weil sie als Klassenlehrer zu wirken und sämtliche Fächer zu unterrichten haben. Sie müssen deshalb auch für Fächer wie Zeichnen, Werken und Musik über klare Kompetenzen verfügen. Im Falle der Musik bedeutet das nicht nur ein gutes Gehör und eine gute Stimme, sondern auch die Beherrschung der elementaren Musiktheorie und die Kenntnis von vielen Liedern, Musizierstücken und Schultänzen sowie fortgeschrittenes Spiel auf einem Instrument.

Diese Grundlagen müssen unbedingt bereits in der Jugend und während der Mittelschulzeit erworben werden. Leider kann auch das neue Maturitäts-Anerkennungs-Reglement MAR diese grundlegenden Kenntnisse bei Maturanden nicht garantieren. In der Berufsausbildung für die Eingangs- und die Primarstufe sind eine breite Verankerung der Musik und ihrer Didaktik, Musiziermöglichkeiten in Ensembles und Chören und musikdidaktische Begleitung in den Praktika unerlässlich. Auf eine hohe Qualifikation der Ausbildner sowohl in musikalischer wie in didaktischer Hinsicht ist grösster Wert zu legen. Defizite im Fach Musik können nicht nachgearbeitet werden; das haben Erfahrungen an Pädagogischen Hochschulen deutlich gezeigt.

Lehrkräfte der Sekundarstufe I  sollten als Fachkräfte für eine begrenzte Anzahl von Fächern ausgebildet werden, und das Fach Musik dürfte an Schulen der Sekundarstufe I nur von Absolventen dieses Studiums unterrichtet werden. Die Ausbildung der Lehrkräfte für die Sekundarstufe I im Fach Musik muss den Anforderungen für Schulmusik I der Konservatorien und Musikakademien entsprechen. Das beinhaltet auch das Studium eines Instruments als Zweitfach.

Nach der pädagogischen Grundausbildung ist in einer Eignungsprüfung zu ermitteln, ob die musikalischen Fähigkeiten, Kenntnisse und Fertigkeiten  für die Eingangs- und die Primarstufe genügen, oder ob es besser wäre, die Sekundarstufe I zu wählen.

Wie bereits erwähnt, kommt der Vorbereitung, und damit den Gymnasien, eine große Bedeutung zu. Diese müssen nun die Verantwortung wahrnehmen, die bisher von den Lehrerseminarien getragen wurde, nämlich die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer in den musischen Fächern auf ihren Beruf vorzubereiten, und sie sind entsprechend in die Pflicht zu rufen. Das Wissen um die musikalische Zwischenprüfung an der Pädagogischen Hochschule wird Gymnasiasten, die sich für einen pädagogischen Beruf interessieren, zur Nutzung entsprechender Angebote in ihrer Schule beziehungsweise der Musikschulen veranlassen. Da ein Studium an einer Pädagogischen Hochschule mit jedem Maturitätsabschluss möglich ist, dürfen sich in keinem Maturitätsprofil Zeichnen/ Bildnerisches Gestalten und Musik gegenseitig ausschliessen.

Die Reaktionen waren meist unverbindlich im Sinne von „weiterleiten an die zuständigen Instanzen“, „prüfen“ und „bemüht sein“. Rückblickend muss ich feststellen, dass unsere Warnungen in den Wind geschrieben waren und unsere Forderungen bei weitem nicht erfüllt sind.

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5.5.4  Jugend+Musik 

Die Idee "Jugend+Musik" stammt von mir, sie ist mein "Kind". Ich habe sie entwickelt im Rahmen meiner Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht (1972-1979 in Muri bei Bern und 1988-1991 als Nationalfonds-Projekt). In einer weiteren Öffentlichkeit habe ich die Idee 1992 erstmals vorgestellt, anlässlich der Auflösung der IASEM. 

An der DV 1995 des Schweizer Musikrates in St. Gallen berichtete ich über Sondierungen mit J+S und erklärte, der Weg zu "Jugend+Musik" führe zwingend über einen Artikel in der Bundesverfassung. Im Februar 1996 hatte sich die KMS an der Vernehmlassung für die Revision der Bundesverfassung beteiligt mit dem von mir formulierten Vorschlag zu einem Verfassungsartikel über Musik, Turnen und Sport. Anlässlich der DV 1996 des Musikrates regte ich die Bildung einer Arbeitsgruppe "Jugend+Musik" an, die ich in der Folge leitete.

Im Sommer 1996 war meine Idee "Festtag Jugend+Musik" in der KMS auf guten Boden gefallen. Ich entwickelte ein Konzept und wurde zum Projektleiter gewählt.

5.5.4.1   Mein  Konzept-Entwurf:

EIN FESTTAG JUGEND + MUSIK           am 16./17. MAI 1998:  

Im Jubiläumsjahr 1998 werden wir mit berechtigter Freude und mit Stolz auf die Entwicklung unseres Bundesstaates zurückblicken, wir werden auch daran denken, dass die alten Strukturen, die dem neuen, demokratischen Geist im Weg standen, nicht schmerzfrei auflösen liessen. Bei den Problemen der Vergangenheit sollten wir aber nicht allzu lange verweilen und frischen Mutes in die Zukunft blicken.

Mit jugendlichem Schwung musikalisch in die Zukunft

An der Schwelle des dritten Jahrtausends braucht die Schweiz neue Impulse und frischen Wind. In diesem Sinne regt die Koordination Musikerziehung Schweiz KMS an, dass die musizierende Jugend der Schweiz unter dem Titel

Jugend + Musik                    am 16. und 17. Mai 1998 einen fröhlichen, zukunftsweisenden Akzent setzt.

Wir stellen uns vor, dass an diesem Wochenende in jeder grösseren Ortschaft der Schweiz Kinder und Jugendliche musizieren, tanzen und singen, auf Strassen und Plätzen, in Restaurants, Sälen und Kirchen. Sie zeigen mit ihrem freudigen Engagement, wie wichtig ihnen persönlich ihr Instrument, ihr Singen und Tanzen ist; und sie dokumentieren damit die kulturelle Bedeutung der Musik in der Schweiz. An diesem Riesenfest aus vielen kleinen Festen können alle auftreten, die sich mit Jugend-Musik befassen: Musikschulen, Jodlerchöre, Kirchenchöre, Popgruppen, Tanzgruppen, Konservatorien, Handharmonikagruppen, Jugendorchester, Jugendkantoreien, Steelbands, Singgruppen, Jugendchöre, Kinderchöre, Schulklassen, Blasmusiken, Brassbands etc.                  

Hilfe für die Organisatoren

Diese kleinen lokalen Musikfeste werden durch die örtlichen Musik-Vereine und die Musikschulen organisiert, wobei interessante Begleitveranstaltungen (z.B. Hör-Spiele, Instrumenten-Vorführungen, Wettbewerbe, Tombola, Verkauf von T-Shirts und Ansteckknöpfen, Aufführungen von Musicals und Ansprachen von Politikern) möglich sind.

Die KMS (sie umfasst alle Musikverbände, die sich ausschliesslich oder teilweise mit dem musikalischen Nachwuchs befassen) gibt den örtlichen Organisatoren Hilfestellungen, z.B. Muster-Artikel für die Lokalpresse, Plakat-Vordrucke, Referats-Unterlagen für Politiker, Muster-Programme, Hilfe bei der Suche nach Sponsoren. Sie sorgt für Artikel in den grossen Zeitungen und für Sendungen in Radio und Fernsehen. Sie wird in nächster Zeit ein Logo vorstellen.

5.5.4.2   Finanzierung

Die KMS sucht ein Patronat (z.B. Frau Bundesrätin Dreifuss) und einen Hauptsponsor (z.B. eine Versicherung oder eine Bank) für die Finanzierung ihrer übergeordneten Aufgaben. Die lokalen Organisatoren suchen ihrerseits lokale Sponsoren. Als Entgelt für die Unterstützung durch die KMS gehen 10% der Sponsorbeiträge in ein Sperrkonto der zu schaffenden Stiftung 'Jugend+Musik'. lm übrigen rechnen die lokalen Gruppen jedoch autonom ab und können über einen allfälligen Gewinn verfügen.

5.5.4.3  Eine Stiftung JUGEND+MUSIK

soll mit der Unterstützung ausgewählter Projekte die Entwicklung jugendlichen Musizierens in der ganzen Breite fördern. Das zu ihrer Gründung benötigte Kapital von Fr. 100'000.- könnte auf die geschilderte Weise aufgebracht werden.

Aufruf

Der Festtag Jugend+Musik ist eine wunderbare Gelegenheit, für die Sache der Musik und der Musikerziehung zu werben. Damit das gelingt, braucht es in jeder grösseren Ortschaft begeisterte (junge) Leute, welche die Organisation und die Koordination unter den Vereinen an die Hand nehmen. Deshalb rufen wir Musikschulen, Vereine und Schulen auf, den Ball aufzunehmen und sich mit dem Sekretariat der KMS (Ernst Waldemar Weber), Haldenau 20, 3074 Muri, Tel/Fax 031 951 16 41 in Verbindung zu setzen.

5.5.4.4  Ein Signet für Jugend + Musik

Wir planen einen Wettbewerb für ein kurzes, fröhliches Signet von höchstens vier Takten, das in verschiedener Besetzung gespielt und gesungen werden kann. Achten Sie im März und April auf die Ausschreibung in der Verbandspresse und in den grossen Zeitungen. Mitmachen können alle, vor allem auch Jugendliche.

5.5.4.5   Das Projekt

Der Ausschuss war von der Idee sehr angetan. Es wurde ein Unterausschuss gebildet (dabei waren nun auch Jürg Blaser vom EMV und Dr. Verena Nägeli), der sogleich an die Arbeit ging. Das Datum stand zur Diskussion, es wurden Logo-Entwürfe bestellt, Sponsoren gesucht. Am 13. Dezember 1996 wurde die Dokumentationsmappe der Arbeitsgruppe Jugend+Musik verteilt, und es wurden vorläufige Weichen gestellt. Am 13. Januar 1997 wurde ich als Projektleiter gewählt, die Konsultativgruppe aus Dr. Nägeli, Hans Brupbacher und mir bestimmt, das Informationskonzept Nägeli vorgestellt und genehmigt, das Datum auf 29./30. Mai 1999 verschoben, über einen Besuch von Brupbacher und mir bei der Credit Suisse berichtet und mein Konzept vorgestellt und (mit abgeänderten Daten) genehmigt.

Dieses Konzept formulierte zunächst den Grundgedanken: Ein Riesenfest aus vielen kleinen Festen mit öffentlichen Auftritten von jugendlichen Musikgruppen aller Stilrichtungen in allen grösseren Gemeinden der Schweiz am gleichen Tag.

Dann regelte esdie lokale Organisation der Anlässe in Absprache mit der Projektleitung, deren Hilfestellung bei der Abfassung Artikeln und Werbetexten und Plakat-Vordrucken, Vertragsentwürfen für Sponsoren, die Art der Abrechnung mit 10% der lokalen Sponsorbeiträge an Jugend+Musik. Es rief die lokalen Politiker zu Referaten zur erzieherischen und kulturellen Bedeutung der Musikpflege auf und er stellte die Entwicklung eines Logos durch einen Grafiker in Aussicht.

Die Arbeit der Projektleitung (Projektleiter als ausführendes Organ und zwei weiteren Personen) im Auftrag der Koordination Musikerziehung Schweiz KMS wird defiiniert. und mindestens ein wöchentliches Konferenzgespräch gefordert. Der Projektleiter hatte die Arbeit im Rahmen des Budgets selbständig zu organisieren. Die Medien sollten eingespannt, die Kulturministerin für das Patronat und für eine Ansprache gewonnen werden. Die lokalen Musikvereine und Schulen sollten durch Artikel in der Verbandspresse zum Mitmachen begeistert werden. Es sollten Werbeartikel wie T-Shirts und Ansteckknöpfe produziert und den lokalen Organisatoren zum Verkauf zur Verfügung gestellt werden.

Ein Zeitplan listete alle Aktivitäten auf, und an den „Meilensteinen“ Mitte Januar, Mitte Juni und September 1997 sollten die Aufträge überprüft  und schliesslich die letzte Phase geplant werden.

Das Budget rechnete mit Fr. 200'000.-, es wurde mit dem BAK, der CS und der Winterthur verhan­delt, vom Fiddlefest wurden uns Fr. 80'000.- in Aussicht gestellt. Eine erste Ausschreibung im Animato ergab 110 Interessenten, denen ich in der Folge eine von mir verfasste 8-seitige einfach, aber gediegen gestaltete Informationsbroschüre zu­stellte.

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5.6  Der Schuss in den Rücken

Da geschah etwas, was mich noch heute, viele Jahre später, emotional auf die Palme bringt: Die Geschäftsführerin des Musikrats blockierte die Arbeit am Musikfest mit der Begründung, die Broschüre sei schlecht geschrieben und gestaltet! Beides ist nicht wahr. Der wahre Grund für diese Aktion liegt wahrscheinlich in der Dynamik, die ich entfaltet und im Erfolg, den ich damit gehabt hatte. Es rächte sich nun, was im Herbst 1996 passiert war, als Frau Bally in einer Sitzung fragte, ob wir uns vorstellen könnten, eine Arbeitsgruppe des Musikrates zu werden und wir das bejahten (ich selber habe es so protokolliert). Schwupp, damit hatte sie uns erwischt: Nun waren wir eine Arbeitsgruppe des Musikrates (allerdings – aber das merkte ich erst viel später – ohne dass der Vorstand des SMR oder wenigstens der Präsident überhaupt davon wusste, geschweige denn den Deal genehmigt hätte). Frau Bally war es gewohnt, dass man nach ihrer Pfeife tanzte, und so glaubte sie sich herausnehmen zu dürfen, unsere Arbeit zu blockieren. Vom Präsidenten, Jakob Stämpfli,  der am Gängelband von Frau Bally hing, war keine Hilfe zu erwarten. So konnte erst im September geklärt werden, dass die KMS das Musikfest autonom organisieren durfte.

Aber ich hatte genug und demissionierte als Projektleiter; hinfort betreute ich noch die Administration. Die Sponsoren hatten sich unterdessen weitgehend verflüchtigt. Ende Januar 1998 demissionierte ich auch als Administrator des Musikfestes und als Sekretär der KMS. Die Organisation des Musikfestes lag nun bei Hans Brupbacher.

Das Musikfest Jugend+Musik wurde am 20. Januar 1999 an einer Pressekonferenz in Bern lanciert und am 29. und 30. Mai in gegen 200 Festorten in der ganzen Schweiz gemäss dem von mir in der KMS eingebrachten Vorschlag durchgeführt, leider – der fehlenden Finaanzen wegen – nicht ganz konsequent.Dem Patronatskomitee gehörten neben Bundespräsidentin Ruth Dreifuss eine ganze Reihe von prominenten Persönlichkeiten aus Musik, Wirtschaft und Politik an. Ich hatte eine Riesenarbeit geleistet, aber es kam niemandem in den Sinn, mir dafür auch nur zu danken.

5.7   „Aufgaben der KMS“

Im Februar 1997 hatte ich auf Wunsch von Frau Bally die Aufgaben der KMS definiert. An der Sitzung der Arbeitsgruppe vom 19. September in Aarau im September sollten sie bereinigt werden. Sie umfassten Kontakte mit schweizerischen Kantonen und Institutionen, Kontakte mit ausländischen Dachorganisationen, Musik in der Lehrerbildung für die Volksschule (unser Vorstoss 96), Musik im Gymnasium (unser Vor­stoss 96), ferner die Projekte Jugend+Musik (unser Vorstoss Bundesverfassung), Wettbewerbe (Jugendmusik I und II / Jugendorchester) und das Musikfest J+M.  Da der Musikrat der KMS neuerdings einige dieser Aufgaben streitig machte und im Sommer 97 das Musikfest Jugend+ Musik blockiert hatte, waren wir hellhörig geworden.

Bernard Oberholzer und ich nahmen an der Sitzung teil; anwesend war auch Jakob Stämpfli der Präsident des Musikrates,. Unter dem Traktandum „Orientierung des Präsidenten“ erlebten wir leider einen frontalen Angriff auf die SKSM mit teilweise falschen Fakten, und trotz unserer Gegenargumentation wurde beschlossen, die KMS sei definitiv nur noch eine Arbeitsgruppe des SMR. An der nächsten, von Jakob Stämpfli geleiteten Sitzung am 4. Dezember nahm ich als Vertreter der SKSM teil. Unser Vorschlag für eine gewisse Autonomie der KMS wurde abgelehnt, aber die beiden Hauptaufgaben, MAR und Lehrerbildung, wurden an die SKSM delegiert.

 5.8  Ein Gesetz über Musikerziehung

5.8.1  Der Auftrag

Am 4. Dezember 1998 liess ich mir durch die KMS den Auftrag erteilen, aufgrund des zu erwartenden neuen Verfassungsartikels die Schaffung eines Gesetzes über die Musikerziehung in die Wege zu leiten. Da es sich um eine heikle Aufgabe handelte, wurde mir zugestanden, sie selbständig – aber natürlich unter regelmässiger Berichterstattung an die KMS – durchzuführen. Dieser Vorbehalt betraf vor allem auch Frau Bally, und weil sie „vergass“, ihn im Protokoll zu erwähnen, wurde er an der Sitzung vom 30. April ausdrücklich bestätigt.

Zunächst schrieb ich – um ein Ziel zu formulieren und als Diskussionsgrundlage – den Entwurf für ein Gesetz, das meinen Vorstellungen entsprach. Weil mir bewusst war, dass die kantonalen Schulhoheiten eine Hürde sein würden, wählte ich eine Konkordatslösung, das heisst ich setzte in diesem Entwurf eine Fachgruppe Musik aus Fachbeauftragten der Kantone ein, die zwar vom Bund geleitet würde, aber lediglich konsultative Funktionen hätte im Sinne der Erarbeitung von Richtlinien, Rahmenlehrplänen, Modellen und Katalogen. Ich dachte dabei an eine Fachgruppe der EDK, wollte das aber offen lassen. Es war mir wichtig, alle Stufen anzusprechen, von der Sekundarstufe II bis zum frühkindlichen Singen, ebenso die Ausbildung der Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe, die Fachberater in den Kantonen, die Zusammenarbeit zwischen Schule, Musikschule und Musikvereinen.

5.8.2   Der Gesetzesentwurf

Gestützt auf Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung erlassen die eidgenössischen Räte folgendes

Gesetz über die Ausbildung in Musik

1        Die Kantone gewährleisten die sorgsame Pflege des Gesangs in den Volksschulen und genügenden Unterricht in den Grundlagen der Musik auf allen Stufen.

2        Der Bund unterhält in Zusammenarbeit mit den Kantonen eine Fachgruppe Musik, in die jeder Kanton einen Fachbeauftragten delegiert.

3        Die Fachgruppe Musik erarbeitet

1      Richtlinien für die musikalische Ausbildung der Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe (z.B. Aufnahmebedingungen in die Ausbildungsstätte, Rahmenlehrpläne für die Ausbildung, Mindestanforderungen für die Erlangung eines integralen Lehrpatents).

2      Aufnahmebedingungen für das Studium des Faches Musik auf der Sekundarstufe I.

3      Rahmenlehrpläne für den Unterricht in Musik auf der Grundstufe, der Primarstufe, der Sekundarstufe I und der Sekundarstufe II.

4      Einen Katalog der Aufgaben und Kompetenzen der kantonalen Fachberater Musik.

5      Modelle für die Zusammenarbeit der Schule mit Musikschulen und Blasmusiken.

6      Unterlagen und Richtlinien für die Förderung des frühkindlichen Singens.

7      Unterlagen für den Aufbau eines schweizerischen Kurszentrums (z.B. Musiklager jeglicher Art  von Kindern und Jugendlichen, Kurse für Schulinspektoren, Ausbildungskurse für Dirigenten von Kinder- und Jugendchören und -Orchestern, Instruktionskurse für Leiter von Brassbands, Kurse für Animatoren des Mutter-Kind-Singens, Lehrerfortbildung).

8      Eine schweizerische Dokumentationsstelle für Musikdidaktik dient als Hilfe für die regionalen Zentren.

9      Eine Verordnung regelt den Übergang, bis der nötige Ausbildungsstand bei allen Lehrkräften erreicht ist,

Diesen Text legte ich einer Reihe von Parlamentarierinnen und Parlamentariern und einer Anzahl Experten der schweizerischen Bildungslandschaft vor, ebenso einigen Mitgliedern von Behörden in den Sektoren Bildung und der Justiz, die ich schriftlich angefragt und um einen Termin gebeten hatte. Insgesamt habe ich mit 26 Personen solche Gespräche geführt. Die dabei entwickelten Ideen und Überlegungen schlugen sich nieder in insgesamt drei neuen Fassungen.

5.8.3  Die Motionen

Im Laufe der Gespräche zeichnete sich für mich die einzuschlagende Strategie ab: Zu Beginn hatte ich an eine parlamentarische Einzelinitiative gedacht; aber ich liess mich überzeugen, dass eine Motion ebenso schnell und sogar sicherer zum Ziel führen kann. Ich  überlegte mir auch, dass es gut wäre, wenn der Vorstoss durch bürgerliche Politiker eingereicht und damit auch diese Seite des Parlaments für das Problem sensibilisiert würde. In der Verfassungsfrage waren es im Nationalrat vor allem Sozialdemokraten und Grüne gewesen, die uns geholfen hatten.

Aus diesem Grunde wandte ich mich an Herrn Ständerat Danioth, der seinerzeit auf meine Intervention hin den Ständerat dazu gebracht hatte, dem Minderheitsantrag Ostermann zuzustimmen. Ferner konnte ich Frau Nationalrätin Käthi Bangerter für das Anliegen gewinnen, und sie war auch bereit, zusammen mit Ständerat Danioth und mir den Motionstext zu erarbeiten. 

Eine Motion muss knapp formuliert sein; es konnte also unmöglich der ganze ursprünglich vorgeschlagene Text darin untergebracht werden. Details wurden deshalb der mündlichen Begründung zugeordnet. Wir fanden zu einem befriedigenden Konsens. Die beiden Motionen wurden mit nahezu identischem Text am Ende der Herbstsession 1999 eingereicht. Sie lauteten:

Motion                             Förderung der Musik-Ausbildung               

Der Bundesrat wird beauftragt, in Ausführung von Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung, gesetzliche Grundlagen zu schaffen, um eine landesweite und ganzheitliche Förderung der Musikausbildung zu ermöglichen.

Dieses Ziel soll insbesondere wie folgt erreicht werden:

a)      Die Pflege der Musik, insbesondere des Singens in der Schule, ist gezielt zu fördern.

b)      Die fachdidaktischen, organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen für die Ausbildung von Lehrkräften in Musik sind gesamtschweizerisch zu harmonisieren und zu verstärken.

c)      Die Zusammenarbeit mit den Kantonen und weiteren Trägern der Musikerziehung ist generell sowie durch die Bildung einer Fachgruppe Musik und gegebenenfalls eines schweizerischen Kurszentrums Musik zu koordinieren.

Es sind hiezu Konkordate anzustreben.

An den KMS-Sitzungen vom 30. April und 27. August hatte ich über den jeweiligen Stand der Dinge ausführlich Bericht erstattet.

Remo Gysin bat den  Bundesrat in einem Postulat, bis spätestens Ende 2000 einen Bericht zur Musikförderung des Bundes vorzulegen, der insbesondere aufzeigen solle, wie er den neuen Verfassungsartikel 69 umzusetzen gedenke. Das Postulat Gysin wurde am 13. Dezember vom Bundesrat entgegengenommen.

Im Hinblick auf die Behandlung „unserer“ Motionen in den Räten stellte sich nun die Aufgabe, den Motionären, die ja beide nicht vom Fach waren, stichhaltige Argumente in die Hand zu geben. Ich stellte daher einen Katalog von Argumenten zusammen und ergänzte ihn durch ein zweites, für den internen, d.h. mit Vorsicht zu verwendenden Gebrauch bestimmtes Blatt über mögliche Aufgaben der Fachgruppe Musik und über allgemein Wünschbares.

 

5.8.4  Allgemeine Argumente

-   Die kulturelle Bedeutung der Musik mit ihrer täglichen Präsenz ist gewaltig.

-   In ihrem wirtschaftlichen Gewicht entspricht die Musik der Computerindustrie.

-     Musikalische Anlagen entwickeln sich beim Säugling lange bevor die Sprachent­wicklung einsetzt. Die ersten Lautäusserungen des Menschen sind Singlaute. Der deutsche Forscher Adamek spricht daher vom Singen als eigentlicher  Muttersprache des Menschen.

-     Es gibt keine angeborenen Unmusikalischen, wohl aber musikalische Analphabe­ten. Hier müsste die Schule in die Pflicht genommen werden.

-     Viele Mütter singen nicht mehr mit ihren Kindern; sie müssten es wieder lernen (im Mutter-Kind-Singen), damit ihre Kinder nicht um dieses köstliche Gut betrogen werden. Ein Verein zur Förderung der frühkindlichen Singens wird nächstens gegründet.

-     In vielen Schulen wird kaum oder überhaupt nicht mehr gesungen. Damit wird nicht nur die Ausbildung der Singstimme sträflich vernachlässigt, sondern auch die der Sprech­stimme, unseres wichtigsten Ausdrucksmittels.

-     Alltägliches Singen war früher allgemein verbreitet. Untersuchungen haben erwiesen, dass sein Verschwinden mit einem Verlust an körperlich und psychisch gesunderhaltenden Kräften einhergeht.

-     Beim Musizieren werden beide Hemisphären des Gehirns beansprucht. Das ist wichtig für die Ausbalancierung der Persönlichkeit. Die Verbindung der Hirnhälften, das corpus callosum, enthält bei Musikern deutlich mehr Nervenfasern.

-   Sport und Musik sind die beiden Gebiete, die unsere Jugend am meisten faszinie­ren. Aber während die Förderung des Sports als eine Aufgabe des Bundes mit gross­zügigen Mitteln rechnen kann, fristen die Belange der Musik ein vergleichs­weise kärgliches Dasein. Vor wenigen Jahren ist der Einflussbereich von 'Jugend und Sport' auf die 10-14 jährigen Kinder ausgedehnt worden. Damals hat der Kom­missions-sprecher des Ständerats in Aussicht gestellt, dieses Ungleichgewicht bei nächster Gelegenheit zu korrigieren. Es wäre ein Akt der Gerechtigkeit und der Klugheit, auch die Musikerziehung in den Schulen entschlossen zu verbessern.

-     Die Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht in der Schweiz (Nationalfonds-Projekte 1.737-0.87, 11-27778.89, 11-30922.­90 und 11.30922.9­1) und weitere wissenschaftliche Untersuchungen haben erwiesen, dass guter Musikunterricht in den Schulen die Entfaltung der Persönlichkeit positiv beeinflusst. Die Kinder wer­den intellektuell wacher, und soziale und emotionale Fähigkeiten werden geschult, was für die Prävention gegen Gewalt und Drogen wichtig ist.

-     In den Musikklassen in Berlin vergrösserte sich innerhalb von anderthalb Jahren der Anteil der überdurchschnittlich Intelligenten auf 54,2%, während der Anteil der un­terdurchschnittlich Intelligenten auf 6,7% sank. In den Kontrollklassen dagegen waren 36,4% überdurchschnittlich und 18,2% unterdurchschnittlich intelligent. Nach Abschluss der sechsjährigen Schulversuche sind die (noch nicht veröffentlichen) Resultate noch einmal deutlich besser.

-     Amerikanische College-Studenten lösten Denkaufgaben besser, nachdem sie eine Mozartsonate angehört hatten. Entsprechende Versuche mit jungen Kindern haben gezeigt, dass in diesem Alter mit einem langzeitlichen Effekt gerechnet werden kann.

-     Auf Grund des Artikels 69, Absatz 2 der Bundesverfassung ist der Bund durchaus legitimiert, ein Bundesgesetz über die ganzheitliche und landesweite Förderung der Musikerziehung zu erlassen. Die kantonale Bildungshoheit soll dabei nicht in Frage gestellt werden; deshalb werden lediglich Harmonisierungen vorgeschlagen. Eine Fachgruppe Musik, z.B. innerhalb der EDK, brächte Synergien zum Tragen (mit positiven Effekten auf die Budgets der Kantone), hätte im übrigen jedoch vorwiegend konsultativen Charakter.

-   Die ‚Empfehlungen der EDK zur Lehrerbildung und zu den Pädagogischen Hochschulen‘ vom 26. Oktober 1995 greifen dagegen massiv in die kantonalen Schulhoheiten ein. Sie stipulieren als Zulassungsvoraussetzung an Pädagogischen Hochschulen die gymnasiale Maturität. Damit gehen sie von der Meinung aus, der so ausgewiesene Schulsack genüge für eine Lehrkraft der Grund- und Primarstufe. Diese Meinung ist bezüglich der Anforderungen des Faches Musik völlig falsch. Die „Empfehlungen“ müssen in diesem Punkt revidiert werden.

Zusatzblatt: Mögliche Aufgaben der Fachgruppe Musik, allgemein Wünschbares

Koordination der musikalischen Ausbildung der Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe durch das Erarbeiten von Richtlinien z.B. über Aufnahmebedingungen in die Ausbildungsstätte, Rahmenlehrpläne für die Ausbildung, Mindestanforderungen für die Erlangung eines integralen Lehrpatents.

Erarbeitung von Rahmenlehrplänen für den Unterricht in Musik auf der Grundstufe, der Primarstufe, der Sekundarstufe I und der Sekundarstufe II.

Aufzeigen der Aufgaben und Kompetenzen von kantonalen Fachberatern Musik.

Entwickeln von Modellen für die Zusammenarbeit der Schule mit Musikschulen und Blasmusiken. Hier liegt ein grosses Potential an Synergien.

Schaffen von Unterlagen und Richtlinien für die Förderung des frühkindlichen Singens.

Abklären des Bedarfs eines schweizerischen Kurszentrums, z.B. für Musiklager jeglicher Art  von Kindern und Jugendlichen, Kurse für Schulinspektoren, Ausbildungskurse für Dirigenten von Kinder- und Jugendchören- und Orchestern, Instruktionskurse für Leiter von Brassbands, Kurse für Animatoren des Mutter-Kind-Singens und Lehrerfortbildung.

Wünschbar wäre

1    Die Gleichstellung der Jugendlichen bezüglich Freistellung beim Besuch von musikalischen Kursen mit dem Besuch von Sportkursen.

2    Die Schaffung eines schweizerischen Kurszentrums.

3    Die Unterstützung eines privaten Vereins zur Förderung des frühkindlichen Singens.

4    Die Unterstützung des Vereins „Jugend+Musik“.

Beide Papiere stellte ich den Motionären zu, zusammen mit dem Text von Yehudi Menuhin[1] über den Wert des Singens und meinem eben herausgekommenen Buch „Die vergessene Intelligenz“.

Am 21. Dezember 1999 kam die Motion Danioth im Ständerat zur Behandlung. Hans Danioth gehörte dem Ständerat nicht mehr an, aber SR Bieri hatte seine Autgabe übernommen und begründete die Motion in einem ausführlichen Referat, wobei er zu meiner Freude viele meiner Argumente und Gedanken übernahm. Er erklärte sich einverstanden mit der Umwandlung in ein Postulat. Frau Bundespräsidentin Dreifuss dankte ihm dafür und sagte, für die vollständige Anwendung des Artikels 69,2 könnten in dieser Legislatur zwar nur bescheidene finanzielle Mittel eingesetzt, aber es sollten die Grundlagen gelegt werden, welche die Wichtigkeit der Musik und der musikalischen Bildung anerkennen.

Auch die Motion Bangerter wurde im Nationalrat in ein Postulat umgewandelt. Es kamen später zum Artikel 69,2 ausser dem Postulat Gysin noch zwei Postulate dazu, nämlich von den NR Meier-Schatz und Suter. Damit war der Druck gleichzeitiger Vorstösse beträchtlich.

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5.8.5  Der Rechenschaftsbericht

Meinen Rechenschaftsbericht an die KMS vom Herbst 1999 schloss ich mit den Worten:

Gestatten Sie mir zum Schluss einen Blick zurück und einen Blick in die Zukunft. Ich bin dankbar, dass mir die KMS das Vertrauen geschenkt hat, das Mandat im Alleingang zu erfüllen. Dieser Auftrag war das letzte Stück des Weges, den die KMS im Januar 1996 mit ihrem Vorschlag in der Vernehmlassung zur Bundesverfassung betreten hat und beharrlich und gescheit gegangen ist. In diesem Zusammenhang darf daran erinnert werden, dass ohne meine im Namen der KMS erfolgte Intervention bei Herrn Ständerat Danioth der Minderheitsantrag Ostermann und damit der kostbare Artikel 69,2 unweigerlich und definitiv aus Abschied und Traktanden gefallen wäre.

Die Arbeit an einem Bundesgesetz ist aber nur eine Linie in der bisherigen KMS-Strategie. Die andere Linie zur Erreichung des gleichen Ziels ist die Zusammenarbeit mit der EDK, die wir mit unserem – durch die SKSM erarbeiteten – Schreiben vom 21. September 1999 sorgfältig vorbereitet haben. Dort muss es darum gehen, die „Empfehlungen zur Lehrerbildung“ von 1995 und wenn möglich das MAR so zu revidieren, dass die Aufnahme in die Lehrerbildung für die Grund- und Primarstufe beschränkt wird auf Kandidatinnen und Kandidaten, die sich über Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Musik ausweisen können, und dass die Gymnasien ihre neue Verantwortung für die musische Vorbildung der zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer wahrnehmen.

An der KMS wird es nun liegen, auf diesen Grundlagen besonnen weiterzubauen und die erarbeiteten Chancen nicht zu vertun. Ich hoffe, dass sie dabei immer an alle Stufen (z.B. auch an die Kleinkinder und ihre Mütter und Väter) und an alle Sparten (z.B. auch an das Singen) denken wird.

Damit gab ich der KMS meinen Auftrag als erfüllt zurück. Dass Frau Bally und Frau Mürner mir in den Rücken gefallen waren, liess ich unerwähnt. Aber die Art und Weise, wie sie anhand der von mir in der KMS abgegebenen Informationen und in klarer Missachtung des oben erwähnten Beschlusses der KMS sich genau bei den Parlamentariern, mit denen ich arbeitete, eingeschaltet haben, ist schlicht unverständlich. Durch dieses unmögliche Verhalten, das wahrscheinlich nur der Profilierung diente, haben sie das ganze Projekt gefährdet. Glücklicherweise waren die Motionen, an deren Text ich mitgearbeitet hatte, zu diesem Zeitpunkt bereits eingereicht, so dass sich der Schaden in Grenzen hielt. Als ich Frau Bally zur Rede gestellt hatte, hatte sie argumentiert, sie hätte nicht als Sekretärin des Musikrats interveniert, sondern im Namen von Jugend+Musik (was sie mir kurz vorher mit fiesen Mitteln entrissen hatte), und dort sei sie nicht an das der KMS abgegebene Versprechen gebunden gewesen!

5.8.6  Der letzte, vergebliche Anlauf endet im Mobbing

Am 28. Dezember 2002 wandte ich mich an Nationalrätin Hildegard Fässler als Fraktionschefin der SP mit der Bitte, die Motionen zu aktivieren und einen Vorstoss für ein Gesetz über Musikerziehung zu machen. Sie war grundsätzlich dazu bereit, aber Nationalrat Widmer wollte – als Spezialist für die Bildung – dazu konsultiert werden. Ich stand ihm während fast eines halben Tages in der Wandelhalle zur Verfügung. Schliesslich erklärte er, sich noch „erkundigen“ zu wollen. Frau Fässler teilte mir dann mit, die Auskünfte seien haarsträubend gewesen, und deshalb komme ein Engagement der SP nicht in Frage. Herr Widmer weigerte sich jedoch, die Quelle und die Art dieser Auskünfte preiszugeben, was mich tief verletzte und auf ihn und seine Einflüsterer ein bezeichnendes Licht wirft.

5.9   Der dritte Brief an die Erziehungsdirektionen

vom 21.9.99war von mir angeregt und entworfen und bei den Verbänden in die Vernehmlassung gegeben worden; er war begleitet von einem Anhang mit der Begründung der einzelnen Punkte. Frau Bally brachte es zustande, dass er ohne die Unterschrift der KMS, dafür aber derjenigen von Frau Mürner (für Jugend+Musik) abgeschickt wurde. Leider kann ich die Originale nicht vorlegen, wohl aber die bereinigten Entwürfe:

Sehr geehrter Herr Regierungsrat,

die Koordination Musikerziehung Schweiz KMS, eine ständige Kommission des schweizerischen Musikrats und der Schweizer Musikrat SMR machen sich Sorgen um die Zukunft der Musikerziehung in der Schweiz, insbesondere auf der Grund- und der Primarstufe und im Zusammenhang mit dem Übergang zur tertiären Lehrerbildung. Die beiden Organisationen verweisen auf ihre Schreiben an die Erziehungsdirektorinnen und -direktoren vom April 1996 betreffend MAR und vom September 1996 betreffend Lehrerbildung und ersuchen Sie um ein Gespräch über die nachfolgend aufgelisteten und im Anhang begründeten Punkte:

  1. Das Fach Musik hat sich profiliert: Es muss mehr als bisher ernst genommen werden.

  2. Alle Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe müssen mit ihrer musikalischen und fachdidaktischen Kompetenz den Anforderungen des Lehrplans genügen.

  3. An den Pädagogischen Hochschulen muss eine genügende Stundendotation in Musik und im Instrumentalunterricht gewährleistet sein. Die PHs sind aber weder beauftragt noch in der Lage, musikalische Grundkompetenzen zu vermitteln. Kandidatinnen und Kandidaten für die Ausbildung zu Grund- oder Primarlehrkräften müssen sich daher nach dem ersten Studienjahr einer Eignungsprüfung stellen. Falls die musikalischen Voraussetzungen nicht erfüllt sind, kann zu diesem Zeitpunkt ohne Verlust eine andere, spezialisierte Stufe gewählt werden.

  4. Wie im Falle von Deutsch oder Mathematik darf ohne genügende Leistungen im Fach Musik ein integrales Lehrpatent für diese Stufen nicht abgegeben werden.

  5. Wenn nicht sichergestellt werden kann, dass alle Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe für einen lehrplangerechten Unterricht im Fach Musik qualifiziert sind, muss in Kauf genommen werden, dass in vielen Volksschulklassen nicht mehr gesungen, geschweige denn ein guter Unterricht in Musik erteilt wird.

  6. Als Sofortmassnahmen drängen sich auf: Eine bessere Überprüfung des Unterrichts in Musik auf allen Stufen und die Bearbeitung allfälliger Defizite in der Lehrerfortbildung. Ferner muss die fachdidaktische Kompetenz der Lehrer-Ausbildner entscheidend verbessert werden.

  7. Auf Grund breiter Abstützung bei den angeschlossenen Verbänden fordern die KMS und der Schweizer Musikrat einen offenen Dialog über die angesprochenen Probleme und die baldige Einberufung einer Tagung zur Schulmusik im Rahmen der EDK.

Der Schweizer Musikrat und die Koordination Musikerziehung Schweiz (die ihr angeschlossenen Verbände umfassen gesamthaft mehr als 240.000 Mitglieder) ersuchen Sie, das Anliegen angesichts seiner Wichtigkeit im Rahmen der EDK zu besprechen. Für die Organisation der vorgeschlagenen Tagung wird Ihnen das Sekretariat des Schweizer Musikrats, Haus der Musik, Gönhardweg 32, 5000 Aarau gerne behilflich sein.

Mit freundlichen Grüssen

 

Der Anhang zu diesem Schreiben lautete:

ÜBERLEGUNGEN ZUM FACH MUSIK

  1. Das Fach Musik hat sich gewandelt

      Seine Inhalte gehen heute weit über das frühere „Singen“ hinaus: Das Fach umfasst die Musikwelt in ihren vielen (früheren und heutigen) Erscheinungsformen und Stilrichtungen, es schliesst auch die Bewegung mit ein, und es versucht, all dies und die elementar-theoretischen Grundlagen möglichst durch aktives Tun der Schülerinnen und Schüler zu vermitteln. Mehr und mehr – nicht zuletzt auf Grund der Resultate der schweizerischen Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht – setzt sich auch die Erkenntnis durch, dass in der Musik ein enormes pädagogisches Potential liegt. Weil Musik zudem praktisch zu allen Fächern in Beziehung steht, bietet sie sich als fächerverbindendes Element in ganz besonderem Masse an.

  2. Anforderungen an eine Grund- und Primarlehrkraft im Fach Musik

    Die Lehrkräfte dieser Stufen wirken als Klassenlehrer und haben sämtliche Fächer zu unterrichten, also  auch Musik. Um den Vorgaben des Lehrplans gerecht zu werden, müssen die Anforderungen an Stimme, Instrument und Ensembleleitung auf einem für das Unterrichten notwendigen Niveau erfüllt sein. Unabdingbar sind – über allgemeines pädagogisches Geschick hinaus – besondere musikdidaktische Fähigkeiten.

  1. Die Zulassung zu den Pädagogischen Hochschulen

  Die Lehrerseminare hatten noch die Möglichkeit, diesen Anforderungen gerecht zu werden, weil sie minimale Kenntnisse und Fertigkeiten bei der Aufnahme prüfen konnten und weil ihnen 5 Jahre und eine genügende Stundendotation zur Verfügung standen. Es ist offensichtlich, dass die tertiäre Lehrerausbildung diese Leistungen nicht mehr erbringen kann: Sie dauert weniger lang, und für die Musik steht nur noch ein Bruchteil der Lektionen zur Verfügung. Zudem ist es im Zeitpunkt des Studienbeginns an einer Pädagogischen Hochschule vom Alter her nicht mehr möglich, musikalische Grundkompetenzen zu erwerben.

  Die „Empfehlungen zur Lehrerbildung und zu den Pädagogischen Hochschulen“ vom 26. Oktober 1995 stipulieren als Zulassungsvoraussetzung an Pädagogischen Hochschulen eine gymnasiale Maturität. Diese reicht aber im Fach Musik bezüglich der Anforderungen an eine Lehrkraft der Grund- und Primarstufe nicht aus.

  • Daher müssen Volkschule und Gymnasium diese Fähigkeiten in den musischen Fächern garantieren. In keinem Maturitätsprofil dürfen sich die Fächer „Zeichnen/ Bildnerisches Gestalten“ und „Musik“ gegenseitig ausschliessen.

  • Eine Beschränkung der Zulassung für die Ausbildung als Lehrkraft der Grund- und der Primarstufe würde eine Änderung der „Empfehlungen“ unter B,4 bedingen. Das bernische Lehrerbildungsgesetz beispielsweise lässt für diese Stufen nur Maturandinnen und Maturanden zu, wenn sie „überdies Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse in Musik sowie zeichnerisch-bildnerischem Gestalten und Werken“ nachweisen können.

  • An den Pädagogischen Hochschulen soll nach dem ersten Studienjahr eine Eignungsprüfung über die definitive Zulassung zum Studium als Lehrkraft der Grund- und Primarstufe entscheiden. Wenn die musikalischen Voraussetzungen nicht erfüllt sind, kann nach dieser pädagogischen Grundausbildung ohne Verlust eine andere, spezialisierte Stufe gewählt werden.

    Diese Massnahmen wirken sich positiv auf die vorangehenden Schulstufen aus.

  1. Die Ausbildung der Lehrkräfte im Fach Musik

  Die Lehrkompetenz sicherzustellen ist für die Berufsbildungsinstitute möglich; sie können aber nicht gleichzeitig Fertigkeitslücken schliessen. Die Erfahrungen zeigen deutlich, dass Defizite im Bereich Musik, die in den ersten Schuljahren entstanden, nur ausnahmsweise, und dann mit grossem Aufwand, zu schliessen sind.

      Selbstverständlich darf, wie das auch etwa im Falle von Deutsch oder Mathematik der Fall ist, ohne genügende Leistungen im Fach Musik ein integrales Lehrpatent für diese Stufen nicht abgegeben werden. Wenn jedoch nicht sichergestellt werden kann, dass alle Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe für einen lehrplangerechten Unterricht im Fach Musik qualifiziert sind, muss in Kauf genommen werden, dass in vielen Volksschulklassen nicht mehr gesungen, geschweige denn ein guter Unterricht in Musik erteilt wird. Diese verhängnisvolle Entwicklung zeichnet sich heute bereits ab.

      Damit wäre der Fortbestand des Faches Musik in Frage gestellt, und der Schaden an der Basis unserer musikalischen Kultur wäre enorm. Wenn wir auf die kulturellen, pädagogisch integrierenden und präventiven Qualitäten des Musikunterrichts in der Schule nicht verzichten wollen, drängen sich entschiedene Massnahmen auf.

  1. Dringliche Massnahmen

      Der Musikunterricht muss auf allen Stufen wirklich und kompetent erteilt werden. Es sind alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die geeignet sind, den gegenwärtigen Notstand zu entschärfen.

    -   Auf den ersten Blick scheint Spezialisierung und Aufteilung der Fächer innerhalb eines Schulhauses eine bestechende Lösung zu sein. Sie ist es aber nur dann, wenn das Fach Musik von einer hauptamtlichen Fachlehrkraft mit zusätzlicher Verankerung in mehreren Fächern erteilt wird, sonst besteht die Gefahr von Schiffbruch und Verheizung. Zudem zielt die moderne Pädagogik auf Ganzheitlichkeit und Vernetzung; eine Fächeraufteilung schon auf der Unterstufe steht dieser Tendenz diametral entgegen.

  • Für die Lehrerschaft der Grund- und Primarstufe sind im Falle von Defiziten in der musikalischen oder fachdidaktischen Kompetenz obligatorische Fortbildungskurse anzubieten.

  • Die Kompetenzen der Fachlehrkräfte auf der Sekundarstufe sind an den entsprechenden Diplomanforderungen der Hochschulen für Musik zu messen und zu überprüfen.

  • Die fachdidaktische Kompetenz der Lehrer-Ausbildner muss entscheidend verbessert werden, z.B. durch ein Nachdiplom-Studium.

6    Aufruf zum Dialog

Dieses Schreiben ist seiner Wichtigkeit und Dringlichkeit wegen allen Verbänden, die der KMS angehören (gesamthaft vertraten sie mehr als 240.000 Mitglieder) zur Vernehmlassung vorgelegt worden. Aus den eingegangenen Antworten ergibt sich der klare Auftrag, nun mit Nachdruck einen fundierten Dialog über die aufgeworfenen Fragen zu fordern, z.B. im Rahmen der EDK. Zu einer ersten Tagung – wenn immer möglich noch im laufenden Jahr – sind fachlich kompetente Vertreter der Erziehungsdirektionen und Delegierte der Verbände und des Musikrates einzuladen.

Der akuten Gefahr einer Marginalisierung der Musik in der Schule und damit einer kulturellen Verarmung unseres Landes kann so entgegengewirkt und gleichzeitig dem Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung, der die Förderung „von Kunst und Musik, insbesondere im Bereich der Ausbildung“ vorsieht, Rechnung getragen werden.

Wie die Reaktionen der Erziehungsdirektionen ausfielen, kann ich nicht beurteilen, weil ich dazu keinen Zugang mehr hatte. Immerhin liegt vor mir das Schreiben des bernischen Erziehungsdirektors, das durchaus positiv ist. Soviel ich weiss, wurde eine Delegation nach Bern in die EDK eingeladen; aber es hiess, man hätte ihnen einfach die EDK gezeigt. Substantielle Verhandlungen gab es offenbar auch später nicht. In den Berichten der KMS an den Delegiertenversammlungen des SMR hiess es etwa, Gespräche seien geplant.



[1]www.ewaweber.ch/dokumente

5.8.6  Der letzte, vergebliche Anlauf endet im Mobbing

Am 28. Dezember 2002 wandte ich mich an Nationalrätin Hildegard Fässler als Fraktionschefin der SP mit der Bitte, die Motionen zu aktivieren und einen Vorstoss für ein Gesetz über Musikerziehung zu machen. Sie war grundsätzlich dazu bereit, aber Nationalrat Widmer wollte – als Spezialist für die Bildung – dazu konsultiert werden. Ich stand ihm während fast eines halben Tages in der Wandelhalle zur Verfügung. Schliesslich erklärte er, sich noch „erkundigen“ zu wollen. Frau Fässler teilte mir dann mit, die Auskünfte seien haarsträubend gewesen, und deshalb komme ein Engagement der SP nicht in Frage. Herr Widmer weigerte sich jedoch, die Quelle und die Art dieser Auskünfte preiszugeben, was mich tief verletzte und auf ihn und seine Einflüsterer ein bezeichnendes Licht wirft.

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5.9   Der dritte Brief an die Erziehungsdirektionen

vom 21.9.99war von mir angeregt und entworfen und bei den Verbänden in die Vernehmlassung gegeben worden; er war begleitet von einem Anhang mit der Begründung der einzelnen Punkte. Frau Bally brachte es zustande, dass er ohne die Unterschrift der KMS, dafür aber derjenigen von Frau Mürner (für Jugend+Musik) abgeschickt wurde. Leider kann ich die Originale nicht vorlegen, wohl aber die bereinigten Entwürfe:

Sehr geehrter Herr Regierungsrat,

die Koordination Musikerziehung Schweiz KMS, eine ständige Kommission des schweizerischen Musikrats und der Schweizer Musikrat SMR machen sich Sorgen um die Zukunft der Musikerziehung in der Schweiz, insbesondere auf der Grund- und der Primarstufe und im Zusammenhang mit dem Übergang zur tertiären Lehrerbildung. Die beiden Organisationen verweisen auf ihre Schreiben an die Erziehungsdirektorinnen und -direktoren vom April 1996 betreffend MAR und vom September 1996 betreffend Lehrerbildung und ersuchen Sie um ein Gespräch über die nachfolgend aufgelisteten und im Anhang begründeten Punkte:

  1. Das Fach Musik hat sich profiliert: Es muss mehr als bisher ernst genommen werden.

  2. Alle Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe müssen mit ihrer musikalischen und fachdidaktischen Kompetenz den Anforderungen des Lehrplans genügen.

  3. An den Pädagogischen Hochschulen muss eine genügende Stundendotation in Musik und im Instrumentalunterricht gewährleistet sein. Die PHs sind aber weder beauftragt noch in der Lage, musikalische Grundkompetenzen zu vermitteln. Kandidatinnen und Kandidaten für die Ausbildung zu Grund- oder Primarlehrkräften müssen sich daher nach dem ersten Studienjahr einer Eignungsprüfung stellen. Falls die musikalischen Voraussetzungen nicht erfüllt sind, kann zu diesem Zeitpunkt ohne Verlust eine andere, spezialisierte Stufe gewählt werden.

  4. Wie im Falle von Deutsch oder Mathematik darf ohne genügende Leistungen im Fach Musik ein integrales Lehrpatent für diese Stufen nicht abgegeben werden.

  5. Wenn nicht sichergestellt werden kann, dass alle Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe für einen lehrplangerechten Unterricht im Fach Musik qualifiziert sind, muss in Kauf genommen werden, dass in vielen Volksschulklassen nicht mehr gesungen, geschweige denn ein guter Unterricht in Musik erteilt wird.

  6. Als Sofortmassnahmen drängen sich auf: Eine bessere Überprüfung des Unterrichts in Musik auf allen Stufen und die Bearbeitung allfälliger Defizite in der Lehrerfortbildung. Ferner muss die fachdidaktische Kompetenz der Lehrer-Ausbildner entscheidend verbessert werden.

  7. Auf Grund breiter Abstützung bei den angeschlossenen Verbänden fordern die KMS und der Schweizer Musikrat einen offenen Dialog über die angesprochenen Probleme und die baldige Einberufung einer Tagung zur Schulmusik im Rahmen der EDK.

Der Schweizer Musikrat und die Koordination Musikerziehung Schweiz (die ihr angeschlossenen Verbände umfassen gesamthaft mehr als 240.000 Mitglieder) ersuchen Sie, das Anliegen angesichts seiner Wichtigkeit im Rahmen der EDK zu besprechen. Für die Organisation der vorgeschlagenen Tagung wird Ihnen das Sekretariat des Schweizer Musikrats, Haus der Musik, Gönhardweg 32, 5000 Aarau gerne behilflich sein.

Mit freundlichen Grüssen

 

Der Anhang zu diesem Schreiben lautete:

ÜBERLEGUNGEN ZUM FACH MUSIK

  1. Das Fach Musik hat sich gewandelt

      Seine Inhalte gehen heute weit über das frühere „Singen“ hinaus: Das Fach umfasst die Musikwelt in ihren vielen (früheren und heutigen) Erscheinungsformen und Stilrichtungen, es schliesst auch die Bewegung mit ein, und es versucht, all dies und die elementar-theoretischen Grundlagen möglichst durch aktives Tun der Schülerinnen und Schüler zu vermitteln. Mehr und mehr – nicht zuletzt auf Grund der Resultate der schweizerischen Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht – setzt sich auch die Erkenntnis durch, dass in der Musik ein enormes pädagogisches Potential liegt. Weil Musik zudem praktisch zu allen Fächern in Beziehung steht, bietet sie sich als fächerverbindendes Element in ganz besonderem Masse an.

  2. Anforderungen an eine Grund- und Primarlehrkraft im Fach Musik

    Die Lehrkräfte dieser Stufen wirken als Klassenlehrer und haben sämtliche Fächer zu unterrichten, also  auch Musik. Um den Vorgaben des Lehrplans gerecht zu werden, müssen die Anforderungen an Stimme, Instrument und Ensembleleitung auf einem für das Unterrichten notwendigen Niveau erfüllt sein. Unabdingbar sind – über allgemeines pädagogisches Geschick hinaus – besondere musikdidaktische Fähigkeiten.

  1. Die Zulassung zu den Pädagogischen Hochschulen

  Die Lehrerseminare hatten noch die Möglichkeit, diesen Anforderungen gerecht zu werden, weil sie minimale Kenntnisse und Fertigkeiten bei der Aufnahme prüfen konnten und weil ihnen 5 Jahre und eine genügende Stundendotation zur Verfügung standen. Es ist offensichtlich, dass die tertiäre Lehrerausbildung diese Leistungen nicht mehr erbringen kann: Sie dauert weniger lang, und für die Musik steht nur noch ein Bruchteil der Lektionen zur Verfügung. Zudem ist es im Zeitpunkt des Studienbeginns an einer Pädagogischen Hochschule vom Alter her nicht mehr möglich, musikalische Grundkompetenzen zu erwerben.

  Die „Empfehlungen zur Lehrerbildung und zu den Pädagogischen Hochschulen“ vom 26. Oktober 1995 stipulieren als Zulassungsvoraussetzung an Pädagogischen Hochschulen eine gymnasiale Maturität. Diese reicht aber im Fach Musik bezüglich der Anforderungen an eine Lehrkraft der Grund- und Primarstufe nicht aus.

  • Daher müssen Volkschule und Gymnasium diese Fähigkeiten in den musischen Fächern garantieren. In keinem Maturitätsprofil dürfen sich die Fächer „Zeichnen/ Bildnerisches Gestalten“ und „Musik“ gegenseitig ausschliessen.

  • Eine Beschränkung der Zulassung für die Ausbildung als Lehrkraft der Grund- und der Primarstufe würde eine Änderung der „Empfehlungen“ unter B,4 bedingen. Das bernische Lehrerbildungsgesetz beispielsweise lässt für diese Stufen nur Maturandinnen und Maturanden zu, wenn sie „überdies Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse in Musik sowie zeichnerisch-bildnerischem Gestalten und Werken“ nachweisen können.

  • An den Pädagogischen Hochschulen soll nach dem ersten Studienjahr eine Eignungsprüfung über die definitive Zulassung zum Studium als Lehrkraft der Grund- und Primarstufe entscheiden. Wenn die musikalischen Voraussetzungen nicht erfüllt sind, kann nach dieser pädagogischen Grundausbildung ohne Verlust eine andere, spezialisierte Stufe gewählt werden.

    Diese Massnahmen wirken sich positiv auf die vorangehenden Schulstufen aus.

  1. Die Ausbildung der Lehrkräfte im Fach Musik

  Die Lehrkompetenz sicherzustellen ist für die Berufsbildungsinstitute möglich; sie können aber nicht gleichzeitig Fertigkeitslücken schliessen. Die Erfahrungen zeigen deutlich, dass Defizite im Bereich Musik, die in den ersten Schuljahren entstanden, nur ausnahmsweise, und dann mit grossem Aufwand, zu schliessen sind.

      Selbstverständlich darf, wie das auch etwa im Falle von Deutsch oder Mathematik der Fall ist, ohne genügende Leistungen im Fach Musik ein integrales Lehrpatent für diese Stufen nicht abgegeben werden. Wenn jedoch nicht sichergestellt werden kann, dass alle Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe für einen lehrplangerechten Unterricht im Fach Musik qualifiziert sind, muss in Kauf genommen werden, dass in vielen Volksschulklassen nicht mehr gesungen, geschweige denn ein guter Unterricht in Musik erteilt wird. Diese verhängnisvolle Entwicklung zeichnet sich heute bereits ab.

      Damit wäre der Fortbestand des Faches Musik in Frage gestellt, und der Schaden an der Basis unserer musikalischen Kultur wäre enorm. Wenn wir auf die kulturellen, pädagogisch integrierenden und präventiven Qualitäten des Musikunterrichts in der Schule nicht verzichten wollen, drängen sich entschiedene Massnahmen auf.

  1. Dringliche Massnahmen

      Der Musikunterricht muss auf allen Stufen wirklich und kompetent erteilt werden. Es sind alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die geeignet sind, den gegenwärtigen Notstand zu entschärfen.

    -   Auf den ersten Blick scheint Spezialisierung und Aufteilung der Fächer innerhalb eines Schulhauses eine bestechende Lösung zu sein. Sie ist es aber nur dann, wenn das Fach Musik von einer hauptamtlichen Fachlehrkraft mit zusätzlicher Verankerung in mehreren Fächern erteilt wird, sonst besteht die Gefahr von Schiffbruch und Verheizung. Zudem zielt die moderne Pädagogik auf Ganzheitlichkeit und Vernetzung; eine Fächeraufteilung schon auf der Unterstufe steht dieser Tendenz diametral entgegen.

  • Für die Lehrerschaft der Grund- und Primarstufe sind im Falle von Defiziten in der musikalischen oder fachdidaktischen Kompetenz obligatorische Fortbildungskurse anzubieten.

  • Die Kompetenzen der Fachlehrkräfte auf der Sekundarstufe sind an den entsprechenden Diplomanforderungen der Hochschulen für Musik zu messen und zu überprüfen.

  • Die fachdidaktische Kompetenz der Lehrer-Ausbildner muss entscheidend verbessert werden, z.B. durch ein Nachdiplom-Studium.

6    Aufruf zum Dialog

Dieses Schreiben ist seiner Wichtigkeit und Dringlichkeit wegen allen Verbänden, die der KMS angehören (gesamthaft vertraten sie mehr als 240.000 Mitglieder) zur Vernehmlassung vorgelegt worden. Aus den eingegangenen Antworten ergibt sich der klare Auftrag, nun mit Nachdruck einen fundierten Dialog über die aufgeworfenen Fragen zu fordern, z.B. im Rahmen der EDK. Zu einer ersten Tagung – wenn immer möglich noch im laufenden Jahr – sind fachlich kompetente Vertreter der Erziehungsdirektionen und Delegierte der Verbände und des Musikrates einzuladen.

Der akuten Gefahr einer Marginalisierung der Musik in der Schule und damit einer kulturellen Verarmung unseres Landes kann so entgegengewirkt und gleichzeitig dem Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung, der die Förderung „von Kunst und Musik, insbesondere im Bereich der Ausbildung“ vorsieht, Rechnung getragen werden.

Wie die Reaktionen der Erziehungsdirektionen ausfielen, kann ich nicht beurteilen, weil ich dazu keinen Zugang mehr hatte. Immerhin liegt vor mir das Schreiben des bernischen Erziehungsdirektors, das durchaus positiv ist. Soviel ich weiss, wurde eine Delegation nach Bern in die EDK eingeladen; aber es hiess, man hätte ihnen einfach die EDK gezeigt. Substantielle Verhandlungen gab es offenbar auch später nicht. In den Berichten der KMS an den Delegiertenversammlungen des SMR hiess es etwa, Gespräche seien geplant.

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5.10   Der Hinauswurf

Durch ein aufwendiges trickreiches Prozedere (es wurde dafür sogar ein ‚Hearing’ veranstaltet, dessen Ergebnis nichts als Luft war) gelang es Frau Bally im November 1997, anstelle der Arbeitsgruppe ‚Jugend+Musik’ (die ich bisher geleitet hatte) eine neue Arbeitsgruppe ‚Jugend+Musik’ zu bilden und mich damit auszubooten. Das wurde mir nicht etwa offiziell mitgeteilt, sondern ich habe es im Januar 1998 an einer Sitzung in Aarau beiläufig erfahren.

 

Ende Januar 1998 demissionierte ich als Sekretär der KMS. Zur Sitzung vom 15. Mai wurde die SKSM nicht eingeladen (dafür, wie sich später herausstellte, eine Reihe von Leuten, die der Arbeitsgruppe bisher nicht angehört hatten). Da die SKSM aber seit Beginn mit der Leitung der KMS betraut war, schlug sie der Arbeitsgruppe schriftlich vor, an einer gemeinsamen Sitzung eine Plenarversammlung der KMS vorzubereiten, wo unser Rechenschaftsbericht über die zweieinhalbjährige erfolgreiche Arbeit hätte abgesegnet werden sollen. Der Bescheid der Arbeitsgruppe war kurz und ernüchternd: Sie hätten beschlossen, uns aus der Leitung der KMS zu entlassen, wir könnten aber weiterhin mitmachen und würden zur nächsten Sitzung im September eingeladen. Wir wandten uns nun mit einem Brief direkt an die Verbände, rekapitulierten die Geschichte der KMS und zeigten auf, was die SKSM mit der KMS im Rücken alles zustandegebracht hat: Die Vorstösse zum MAR und zur Lehrerbildung, die Eingabe für die Bundesverfassung, der Artikel 69.2, die Lancierung des Musikfestes J+M. Aber die Gegenkräfte waren stärker.

5.10.1   Vergebliche Hilfesuche bei den Delegierten

Am 28. Juni 2000 wandte ich mich mit folgendem Brief an die Delegierten:

An die Delegierten der Verbände im Schweizer Musikrat

und an die Mitglieder der KMS

Sehr geehrte Damen und Herren,

zum ersten Mal werde ich an einer Delegiertenversammlung des Musikrates nicht teilnehmen, und zwar aus Protest. Schon vor zweieinhalb Jahren habe ich zuerst den Präsidenten und später den Vorstand des Musikrates darauf hingewiesen, dass Frau Bally eigenmächtige Entscheidungen fälle und den Vorstand gelegentlich über wichtige Bereiche offensichtlich nicht oder nur ungenügend ins Bild setze. Leider wurde ich immer abgewimmelt, und ich musste feststellen, dass der Vorstand Frau Bally jeweils hinterher deckte, z.B. als sie im letztjährigen Tätigkeitsbericht bezüglich der Vorbereitung eines Gesetzes über Musikerziehung durch die KMS einen ziemlichen Unsinn und dazu eine richtige Falschmeldung platziert hatte.

Bisher bin ich nicht an die Delegiertenversammlung gelangt, weil ich fand, die Vorwürfe würden besser intern abgeklärt. Bei einem neuerlichen Vorstoss bin ich aber heftig zurückgewiesen und auch massiv angegriffen worden. Das Mass voll gemacht hat nun aber ein Brief des Musikrats an die SKSM, worin ich als deren Delegierter in der KMS abgelehnt werde (notabene nachdem ich bereits meinen Rücktritt und den Namen meines Nachfolgers genannt hatte!). Kein Verband würde einen derart arroganten Schritt akzeptieren, und die SKSM hat scharf protestiert und Erklärungen verlangt. Die Antwort des Musikrates ist herablassend und in bezug auf meine Person ehrverletzend, so dass ich mich veranlasst sehe, endlich  aus der Reserve zu treten und meine im Musikrat geleistete Arbeit offenzulegen:

1  Mein „Einstieg“ war das Manifest des Musikrates „Welche Schule heute für die Schweiz von morgen?“, das ich vorgeschlagen und weitgehend mitgestaltet habe.

2  Seit meinen Schulversuchen mit erweitertem Musikunterricht war mein grosses Ziel eine Institution „Jugend+Musik“, und zwar als Pendant zu Jugend+Sport. Daran habe ich unermüdlich gearbeitet, an den DV von St.Gallen und Blonay habe ich dafür geworben, und es wurde eine von mir geleitete Arbeitsgruppe J+M des SMR gebildet. Es ist ein Märchen, Frau Bally und Frau Engel hätten diese Idee gemeinsam mit mir gehabt (es ist ja nett, dass sie mich wenigstens nicht vergessen haben); in Wirklichkeit waren sie nur Trittbrettfahrerinnen.

3  Auch das „Musikfest Jugend+Musik“ war ausschliesslich meine Idee; ich habe das Konzept erarbeitet und die KMS dafür begeistert, und diese hat mich zum Projektleiter bestimmt.

4  Der Verfassungsartikel hat eine lange Geschichte: Es begann mit der Teilnahme an der Vernehmlassung durch die KMS (wie ich sie angeregt und durchgeführt hatte). Ich war es, der Herrn Nationalrat Remo Gysin dazu bewog, das Anliegen in die Verfassungskommission einzubringen, was schliesslich über viele Stationen zum Minderheitsantrag Ostermann führte. Nachdem dieser im Nationalrat knapp angenommen worden war, gelang es nur dank meiner Intervention in letzter Minute bei Herrn Ständerat Danioth, dass der Artikel schliesslich im Stöckli durchkam und damit überhaupt in die neue Bundesverfassung aufgenommen wurde.

5  Im Dezember 1998 erteilte die KMS der SKSM den Auftrag, einen Brief an die Erziehungsdirektoren der Kantone zu entwerfen, um sie auf  die unbefriedigende Situation der Schulmusik, beson-ders bezüglich der musikalischen Ausbildung der Grund- und Primarlehrkräfte, aufmerksam zu machen und sie zu einem konstruktiven Dialog zu bewegen. Auch dieser aufwendigen Aufgabe habe ich mich unterzogen. (Es war vorgesehen, den Brief durch die KMS und den SMR unterschreiben zu lassen. Im letzten Moment wollte auch J+M dabei sein, und die federführende SKSM, die auch den Anstoss gegeben hatte, fehlt jetzt.)

6  Schliesslich liess ich mir im Dezember 1998 von der KMS den Auftrag geben, auf Grund des neuen Verfassungsartikels ein Bundesgesetz über die Musikerziehung vorzubereiten. Da es sich um eine Aufgabe handelte, die äusserste Sorgfalt erforderte, stellte ich die Bedingung, dass mir niemand – ausdrücklich auch Frau Bally nicht – dreinfunke, was mir gewährt wurde[1]. Im Dezember 1999 – also bereits acht Monate nach der Annahme des Verfassungsartikels! – wurde die Motion Danioth als Postulat vom Bundesrat freundlich entgegengenommen.

Jakob Stämpfli findet zwar, das seien alte Geschichten, die ausser mir niemand mehr hören wolle.[2] Aber immerhin stellen sie positive Punkte in der Geschichte des Musikrates der letzten Jahre dar; ohne sie sähe die Bilanz – mit den Debakeln Video und Dokumentation auf der Passiv-seite – doch eher dürftig aus. Alle aufgelisteten Aktivitäten sind durch mich angestossen und er-folgreich bearbeitet worden, und zwar im Rahmen der SKSM und der KMS, deren Sekretär ich war.[3] Alle kreisen sie um das eine Thema, das auch in meinen Büchern[4] präsent ist: Die Sicherstellung und Verankerung eines guten Musikunterrichts für alle Kinder.

Dass der Musikrat diese Erfolge für sich bucht, hat mich kaum je gestört; mir ging es nie um meine Person, sondern immer um die Sache, und als Pensionierter konnte ich es mir leisten, mich für diese aufwendigen Arbeiten zur Verfügung zu stellen. Aber das Mobbing gegen mich hat offen-sichtlich genau mit dem Erfolg zu tun. Angefangen hat es damit, dass Frau Bally den Vorstand des SMR einen Beschluss fassen liess, der meinen Hinauswurf aus J+M bedeutete (das war aber so fein gesponnen, dass es niemand merkte, nicht einmal der Präsident und das für J+M zuständige Vorstandsmitglied). Dieses skandalöse Vorgehen hat mich zutiefst verletzt, besonders weil der Vorstand später, um sein Gesicht zu wahren, ohne richtige Begründung nachdoppelte, nach-dem ich mich gewehrt hatte.   

Angesichts meiner für den Musikrat geleisteten Arbeit beanspruche ich nun wenigstens eine faire Behandlung. Deshalb fordere ich die Delegierten auf, eine unabhängige Kommission einzusetzen mit dem Auftrag, meinen Vorwürfen anhand der Protokolle nachzugehen und anschliessend Bericht zu erstatten. Ich hoffe, dass der Vorstand des Musikrates gegen eine solche neutrale Abklärung nichts einzuwenden hat.

Mit freundlichen Grüssen

Kopie z.K. an Frau Dr. Verena Naegele als Vertreterin der Presse

Jakob Stämpfli hat dieses Schreiben mit Hohn und Spott zurückgewiesen, ohne es den Delegierten zur Kenntnis zu bringen, ein absoluter Skandal!

Die KMS dümpelte nun – unter der Leitung von Josef Scheidegger – einfach dahin, ohne wieder aktiv zu werden.. Als Vertreter von Orff Schulwerk Schweiz versuchte ich mich nochmals einzubringen, aber unser Antrag an die DV wurde durch den Präsidenten Koch diktatorisch abgeschmettert, ganz klar gegen meine Person gerichtet. Im Dezember 2006 konnte man im Newsletter des SMR lesen, dass die KMS aufgelöst worden sei.

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5.11  Kritische Rückschau

Wenn ich heute, als 93-Jähriger auf diese Zeit zurückblicke, muss ich leider feststellen, dass meine politischen Aktivitäten trotz enormem Arbeitsaufwand und Engagement wenig gebracht haben für einen besseren Musikunterricht in den Schulen. Zwar gab es einen spektalulären persönlichen Erfolg, nämlich den Artikel 69.2 in der Bundesverfassung. Aber er diente dann nicht als Grundlage für ein Gesetz über Musikerziehung, was auf Grund der Debatte im Parlament seine eigentliche Zweckbestimmung gewesen wäre. Die beiden Motionen zu seiner Umsetzung wurden ja systematisch, aber lautlos bekämpft und schliesslich versenkt, und die treibende Kraft in diesem Trauerspiel war ausgerechnet der Musikrat, in dessen Namen und Auftrag sie eingereicht worden waren.

Der Artikel 69.2 diente stattdessen als Grundlage für das Gesetz über die Kulturförderung. Diese Umdeutung haben die Juristen des BAK auf raffinierte Weise zustande gebracht, und es ist eine zynische Tatsache, dass in diesem Gesetz der schulische Musikunterricht keinen Platz findet. 

Einer der Gründe für das Scheitern könnte in den Strukturen gelegen haben: Die SKSM war zwar als Nachfolgerin der erfolgreichen IASEM in den Kantonen verankert, aber sie hatte keine Basis. Denn die Lehrerinnen und Lehrer, die Musik unterrichten, waren nicht organisiert.  Das wäre vielleicht möglich geworden, wenn – wie ich es vorgeschlagen hatte - durch die SKSM Weiterbildungskurse für Erweiterten Musikunterricht mit Zertifikatsabschluss angeboten worden wären.

Immerhin hatte die SKSM einen guten Namen beim Musikrat (der auf meiner Arbeit gründete). Deshalb hätte ich mich besser selber in den Vorstand wählen lassen sollen, statt Paul Vonarburg zu empfehlen, der uns dann entscheidend geschadet hat.  Als Vorstandsmitglied hätten mir alle die geschilderten Gemeinheiten nicht widerfahren können. Ich hatte ja auch mit niemandem Differenzen.

Auch die KMS war verletzlich: Sie war auf Anregung der SKSM (eigentlich von mir) im August 1995 gegründet und die SKSM mit ihrer Leitung betraut worden,. Die Arbeitssitzungen leitete zwar Paul Vorarburg, aber ich war Geschäftsführer, und die Impulse kamen alle von mir. Alles ging zwar mit rechten Dingen zu: die Verbände wurden laufend konsultiert und orientiert. Aber wenn die Angreifer wie hier „auf den Mann“ spielten, nämlich gegen meine Person, dann hielten die Strukturen nicht stand.

Damals schienen grosse Veränderungen durchaus möglich: Ein eidgenös-sisches Gesetz über Musikerziehung war nicht nur eine romantische Träu-merei, eines Utopisten, es war das ernsthafte Anliegen von bewährten bürgerlichen Politikern. Die Realisierung wäre vielleicht nicht vollständig geglückt, aber mit Hilfe der KMS – wenn sie nicht mutwillig zerschlagen worden wäre – hätten wir bestimmt einiges erreichen können, etwa bei den Pädagogischen Hochschulen oder für ein schweizerisches Kurszentrum für Musik analog zu Magglingen. Aber alles dies ist kaputtgemacht worden durch die Ränke von Frau Bally.

Schon Ende 1997 hatte ich auf Unstimmigkeiten aufmerksam gemacht (damit aber keine Besserung erwirkt, sondern wahrscheinlich eher neue Ränke geschürt):

Offene Fragen an Frau Bally

1  Im Protokoll der DV des SMR vom 22.11.97 steht auf Seite 4:

‚Revision der Bundesverfassung’

Die Koordination Musikerziehung Schweiz KMS und der SMR haben im April im Rahmen der Vernehmlassung zur Bundesverfassung je einen Artikel zugunsten der Musik vorgeschlagen. Der SMR hat zudem den Kulturförderungsartikel, wie ihn das Bundesamt für Kultur vorbereitet hat, zur Aufnahme in die BV empfohlen.‘

In dieser Formulierung ist zweierlei  falsch: Die Vernehmlassung dauerte bis Ende Februar 1996, und die damals noch absolut unabhängige KMS hat ihre Eingabe fristgerecht eingereicht. Der SMR dagegen hat seinen Vorschlag erst im April 1997, also nicht mehr im Rahmen der Vernehmlassung, in einem Brief an den Präsidenten der Verfassungskommission formuliert.

Der erwähnte Protokoll-Text wurde an der ausserordentlichen DV vom 29.8.98 beanstandet, die Diskussion darüber auf die ordentliche DV verschoben, dort aber merkwürdigerweise nicht traktandiert.

Frage: Warum diese offensichtliche Falschinformation? Soll der (falsche) Eindruck erweckt werden, die Initiative sei vom SMR, und zwar rechtzeitig, ausgegangen?

2  Im ‚Tätigkeitsbericht für die Periode Oktober 1997 bis Oktober 1998‘, der mit der Einladung zur DV 1998 verschickt wurde, steht auf Seite 4:

‚Reform der Bundesverfassung         

Der SMR hatte im Februar 1996 termingerecht seine Stellungnahme zur Revision der BV abgegeben.

Auch dieser Satz ist falsch.

Frage: Was bezweckt diese neue Unwahrheit?.‘

Am gleichen Ort steht weiter unten:

  1.                           ‚Unter Einsatz vieler Kräfte und vereintem Lobbying wurde der Artikel vom Nationalrat im Januar 1998 angenommen und in der Junisession auch vom Ständerat.‘

    Auch hier ein Fehler: Der Nationalrat behandelte das Geschäft nicht im Januar, sondern am 28. April 1998. Beanstandet werden muss aber hier die gewundene Formulierung, die sorgfältig vermeidet, den Anteil der KMS am Erfolg auch nur  zu erwähnen. Tatsache ist ja, dass der SMR bezüglich Ständerat einfach nichts unternommen hat, dass dieser ohne die Intervention der KMS den Antrag Ostermann zweifellos zurückgewiesen und ihm damit bei der anschliessenden Differenzbereinigung im Nationalrat keine Chance gelassen hätte.

Frage: Warum darf nicht wahr sein, was die KMS geleistet hat?

4  Im oben erwähnten ‚Tätigkeitsbericht für die Periode Oktober 1997 bis Oktober 1998‘ steht auf Seite 2, unter Stiftung Jugend+Musik (J+M):

‚Aus einer ursprünglich bescheidenen Idee, sich der musikalischen Förderung Jugendlicher anzunehmen, ist im Verlauf der Jahre eine gesamtschweizerische Vision entstanden.‘

Dieser Satz ist ein mieser Tiefschlag gegen den Initianten von Jugend+ Musik, Ernst Waldemar Weber. Dieser hat schon vor vielen Jahren die Vision entwickelt, unter dem Namen ‚Jugend+Musik‘ eine Institution zu schaffen, die der mächtigen Institution ‚Jugend+Sport‘ entspricht. Diese Vision umfasste weit mehr als ‚die musikalische Förderung Jugendlicher‘, nämlich sämtliche Kinder vom Kleinkind (unter Einbezug der Eltern) bis zum jungen Erwachsenen, alle Arten von Musizieren (Singen, Instrumentalspiel und Tanz) in allen Stilen, und sie bezog sich auch auf den Musikunterricht in den öffentlichen Schulen aller Stufen.

Frau Bally hat es geschafft, Ernst Weber aus der Weiterbearbeitung seiner Vision auszuschliessen. Die neue Arbeitsgruppe ‚Jugend+Musik‘ hat kürzlich das klägliche Resultat aus vier Sitzungen vorgestellt: Vereinsstatuten mit einem sehr eingeschränkten Vereinszweck und ein Reglement für einen noch nicht existierenden Fonds. Die Leute in dieser Arbeitsgruppe mögen gut qualifiziert sein, aber visionär engagiert sind sie bestimmt nicht. Die Luft ist eindeutig draussen, und wenn es nicht das (von Ernst Weber vorgeschlagene und in Fahrt gebrachte) Musikfest J+M gäbe, würde dieses Malaise auch nach aussen sichtbar.

Frage: Müsste es richtigerweise nicht heissen: ‚Aus einer grossen Vision ist ein graues Vereinli geworden‘ ?

Mit Staunen sehe ich aus der zeitlichen Entfernung, wie ich als Idealist und an Treu und Glauben vertrauender tumber Tor in das Haifischbecken des Musikrats geraten bin und natürlich keine Chance hatte. Da waren die beiden Präsidenten: Der eine ein erfolgreicher Oratoriensänger (und mein ehemaliger Lehrer) – er lebt nicht mehr, also schweige ich zu seinem Charakter – der andere ein guter, etwas blutleerer Chordirigent, aber ein Narziss mit diktatorischen Allüren, und beide raffiniert und eng gegängelt von  der tüchtigen, äusserst raffinierten und intriganten Sekretärin Ursula Bally, vom Bassinrand her aktiv unterstützt durch Frau Egerzsegi.

Erstaunlicherweise habe ich persönlich diese hinterhältigen Angriffe ohne Schaden wegstecken können. Es ging mir ja nie um mich, sondern immer nur um die Sache. Das raffinierte Mobbing allerdings, dessen Wirkung ich manchmal noch heute spüre, aber nie zu fassen kriege, das tut mir weh.

Dabei darf ich vielleicht doch erwähnen, dass bei mir einige Verdienste nicht zu übersehen waren: Mit meinen Schulversuchen, dem Nationalfondsprojekt und meinen Vorschlägen und Ideen – nicht zuletzt der Idee ‚Jugend+Musik’ – hatte ich in der Schweiz ein Thema gesetzt, das zwanzig Jahre virulent blieb. Und ich hatte eine enorme Arbeit geleistet. Die Art und Weise, wie mit mir verfahren wurde, ist beschämend.

5.12   Nachtrag zur Initiative Jugend+Musik

Seit einigen Jahren gab es eine Parlamentarische Gruppe Musik (PGM) mit etwa 60 Mitgliedern, angeregt und geleitet von Frau Nationalrätin Egerszegi, die 2005 Nationalratspräsidentin war. Weil sie auch im Musikrat auftrat, hatte ich  schon seit längerem vergeblich versucht, mit ihr Kontakt aufzunehmen. An der Sitzung der PGM vom 16. Juni 2005, an welcher der Bericht über die musikalische Bildung vorgestellt wurde, trug ich meine Bedenken dagegen vor und gab ein doppelseitiges A4-Blatt ab. An der Herbstsession 2006 in Flims war ich ebenfalls dabei und brachte den Bericht und die Motionen Danioth und Bangerter zur Sprache. Das hatte zur Folge, dass Frau Egerszegi mich zuerst unterbrach und mir dann das Wort entzog. Dabei sagte sie, „sie“ hätten darüber gesprochen, die Motionen abzuschreiben, hätten aber vorläufig darauf verzichtet.

Im neuen Jahr nun wollte der Musikrat auf Anregung von Frau Egerszegi eine Initiative für einen Verfassungsartikel über Jugend und Musik lancieren. Der zunächst vorgeschlagene Text war aber so unmöglich und naiv, dass ich mich einschalten musste. Deshalb reiste ich nach Liestal zu Hector Herzig, dem Projektleiter der ganzen Übung. Ihm teilte ich auch meine schweren Bedenken mit gegen die Idee, in der Initiative gleichzeitig aus dem Artikel 69,2 den Passus „insbesondere im Bereich der Ausbildung“ zu streichen. Ich weiss nicht, ob meine Intervention es bewirkte: jedenfalls war der Text dann vernünftiger, und auf die Streichung im Art. 69.2 wurde verzichtet. Aber irgendwie witterte ich einen Anschlag auf die Motionen Danioth und Bangerter, und über die Bundeskanzlei erfuhr ich, dass deren Abschreibung in der Sommersession 2007 erneut zur Sprache kommen sollte.

Deshalb sagte ich an der Sitzung der PGM vom 23. März: Zunächst möchte ich meiner Freude Ausdruck geben; denn für einen Artikel in der Bundesverfassung über Jugend und Musik kämpfe ich seit 35 Jahren, mit Schulversuchen, einem Nationalfonds-Projekt, mit Artikeln, Referaten und Büchern.

Die gleichen Verbände, die heute die Initiative lancieren, haben vor elf Jahren bei der Revision der Bundesverfassung einen Artikel über Musik und Sport vorgeschlagen, und daraus ist der wichtige Zusatz im Artikel 69,2 entstanden. Aber obschon dieser Text im Parlament ausschliesslich mit „Musik in der Schule“ begründet worden war, ist das Anliegen im Entwurf zum Kulturförderungsgesetz völlig ausgespart worden. Ein zweiter Tiefschlag kam im Bericht „Musikalische Bildung“ mit der Behauptung, dass „jedem Kind im Rahmen seiner Klassengemeinschaft ein kostenfreier und obligatorischer Zugang zu musikalischer Bildung gewährleistet“ sei. Und drittens warten die in Zusammenarbeit mit dem Musikrat formulierten und als Postulate überwiesenen Motionen Danioth und Bangerter seit acht Jahren noch immer auf ihre Umsetzung.

In diese Misere kommt die neue Initiative als grosse Hoffnung, als ein Zeichen, dass der politische Wille nun vorhanden sei, den Musikunterricht in den Schulen endlich zu verbessern. Bei aller Begeisterung ist jedoch zu bedenken, dass dieser Weg erst nach 10  bis 15 Jahren zu Gesetzen und damit zu den gewünschten Wirkungen führen kann. Zum Glück müssen wir nicht so lange warten; denn Sie können jetzt schon handeln, und zwar auf Grund des Artikels 69,2. Sie können die Umsetzung der erwähnten Motionen (die genau das konkretisieren, was in der Verfassungsinitiative gefordert wird) in Gang setzen  oder ein Gesetz einbringen, wie es schon vor acht Jahren zur Diskussion stand. 

Das Ja zu dieser Initiative darf nicht nur eine Absichtserklärung sein, die allenfalls erst Jahre später einzulösen ist. Ihr Ja zu dieser Initiative soll ein Bekenntnis dafür sein, heute schon für diese Anliegen einzutreten durch Vorstösse und deren Unterstützung. Die erste Nagelprobe erwartet Sie in der Sommersession, wenn unter der Geschäftsnummer 07.016 die Abschreibung der Motionen Danioth und Bangerter zur Diskussion stehen wird.

Es ist zu hoffen, dass die Unterschriftensammlung den Schwung mächtig anstossen und den nötigen Druck auf die Politik aufbauen wird. 

Ich gab diesen Text schriftlich ab, und auf die Rückseite setzte ich den Text der Motionen und den Entwurf für ein Gesetz über Musikerziehung. Tags darauf, als an der ausserordentlichen DV des Musikrats die Lancierung der Initiative beschlossen wurde, doppelte ich nach und verlangte, dass der Musikrat sich einsetzen müsse, um die Abschreibung zu verhindern, die Motionen, um die er sich 8 Jahre nicht gekümmert hatte, umzusetzen und bei der Behandlung des Kulturförderungsgesetzes die Musik in der Schule wieder einzubringen.

Es hat nichts genützt. Die Initiative wurde eingereicht, dann zurückgezogen zugunsten eines Gegenvorschlags, der am 23. September  2012 mit dem Rekordergebnis von 72,6% Ja angenommen wurde. Es ist ein Erfolg vor allem für die Musikschulen, das ist erfreulich. Aber davon profitiert nur eine priviligierte Gruppe von Kindern. Für den Musikunterricht in den Schulen wird der Artikel nichts bewirken. Zwar steht darin nun, dass Bund und Kantone sich „einsetzen“ für einen hochwertigen Musikunterricht in den Schulen. Doch das ist reine Augenwischerei (und die Initianten wussten das); Die meisten Schülerinnen und Schüler der Schweiz bleiben weiterhin musikalische Analphabeten.

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[1]Leider hat sich Frau Bally nicht daran gehalten.

[2]Genauere Informationen finden Sie auf meiner homepage.

[3]Die SKSM ist die einzige Organisation innerhalb des Musikrats, die sich mit dem Musikunterricht in den öffentlichen Schulen befasst. Es ist zu hoffen, dass ihr bei den nun anstehenden Aufgaben „Gesetz über Musikerziehung“ und „Dialog mit den Erziehungsdirektoren“ eine prominente Rolle zugewiesen wird.

[4]„Schafft die Hauptfächer ab!“ 1991, Zytglogge. ISNB 3-7296-0379-5;“Die vergessene Intelligenz“. 1999, Pan, ISBN 3-907073-57-6.

 

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