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Kulturförderungsgesetz      

Stellungnahme zum Entwurf, Mai 2003

Intervention am 27. Juli 2003

Orientierung der Parlamentarischen Gruppe Musik am 16. Juni 2005

Stellungnahme zum Entwurf Kulturförderungsgesetz Ernst Waldemar Weber

Meine Überlegungen zum Vorentwurf KFG (Stand 10.4.2003) KFG betreffen die Umsetzung des Artikels 69, Absatz 2 (zweite Satzhälfte) BV.

Im Kommentar zu Art. 11 wird (auf der ersten von vier Linien) erwähnt, „Ausbildung" könne „Ausbildung in Kunst und Musik innerhalb von Ausbildungsgängen aller Stufen" bedeuten, und im folgenden wird erläutert, dass der Bund im Bereich der Kultur ausbildungsbezogen tätig werden könne, mindestens jedoch prüfen müsse, ob Handlungsbedarf bestehe.

Diese Überlegungen stimmen überein mit der authentischen Interpretation, die sich aus den im Parlament in dieser Sache abgegebenen Voten ergibt. Dabei zeigt sich nämlich, dass es bei der Entstehung des Zusatzes zu Art. 69.2 immer um Musik in der Schule ging, schon bei der Vernehmlassungs-Eingabe durch die Koordination Musikerziehung Schweiz KMS, am 29. April 1998 im Nationalrat bei der Begründung durch den Antragsteller NR Ostermann, in den Voten Fässler, Grendelmeier und Widmer und ganz besonders deutlich am 18. Juni 1998 im Votum von Herrn Ständerat Danioth.

Der Art. 11.a selber aber setzt diese Gedanken leider nicht um. Um den Text im Sinne des Kommentars zu formulieren, schlage ich vor, ihn wie folgt um drei (hier kursiv gesetzte) Wörter zu erweitern, dafür das Wort „unterstützen" zu streichen:

(Der Bund kann ...... in Ergänzung von Bildungsmassnahmen in kantonaler Zuständigkeit:) „a auf die Gestaltung der Grundbedingungen für die allgemeine kulturelle Bildung im Unterricht auf allen Stufen des Bildungswesens und den Zugang zur Kultur Einfluss nehmen".

Damit würde der Art. 11 auch dem Unterschied zwischen dem im ersten Teil von Art. 69.2 verwendeten „unterstützen" (passiv) gegenüber dem den Zusatz auszeichnenden, aktiven „fördern" besser gerecht. Ob die im Kommentar auf der 4. Zeile erwähnte Ausbildung der Lehrkräfte (die im Fach Musik gesamtschweizerisch definiert werden müsste) darunter subsummiert werden kann, oder ob dieses Anliegen in einem eigenen alinea explizit formuliert werden sollte, möchte ich zu bedenken geben.

Dass die kantonale Schulhoheit durch diesen Zusatz eingeschränkt würde, war im Parlament durchaus ein Thema: Sowohl im Nationalrat (durch NR Deiss) wie im Ständerat (durch SR Aeby) wurden die Parlamentarier ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht. Sie waren sich der Einschränkung also zweifellos bewusst, und trotzdem haben beide Räte zugestimmt.

Es sollte nicht vergessen werden, dass die Erarbeitung eines KFG auf Grund von Art. 69 BV nicht zuletzt auf parlamentarische Vorstösse zurück geht, die diese Umsetzung verlangten. Auch hier manifestiert sich der Wille des Gesetzgebers. Besonders gewichtig sind dabei die Motionen Bangerter und Danioth, die als Postulate überwiesen wurden. Sie lauteten:

Der Bundesrat wird beauftragt, in Ausführung von Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung, gesetzliche Grundlagen zu schaffen, um eine landesweite und ganzheitliche Förderung der Musikausbildung zu ermöglichen.

Dieses Ziel soll insbesondere wie folgt erreicht werden:

Die Pflege der Musik, insbesondere des Singens in der Schule, ist gezielt zu fördern.

Die fachdidaktischen, organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen für die Ausbildung von Lehrkräften in Musik sind gesamtschweizerisch zu harmonisieren und zu verstärken.

Die Zusammenarbeit mit den Kantonen und weiteren Trägern der Musikerziehung ist generell sowie durch die Bildung einer Fachgruppe Musik und gegebenenfalls eines schweizerischen Kurszentrums Musik zu koordinieren.

Es sind hiezu Konkordate anzustreben.

Ich fasse zusammen: Das Thema „Musik in der Schule" war bei der Entstehung des Zusatzes zum Art. 69.2 und in den Motionen Bangerter und Danioth zentral. Deshalb sollte dieses Anliegen im KFG berücksichtigt werden, umso mehr, als der Artikel in andern Belangen grosszügig ausgelegt wird.

Sollten die Aufträge des Parlaments nicht im KFG verwirklicht werden können, müssten andere Wege gesucht werden. So müsste die EDK die Postulate Bangerter und Danioth zumindest bearbeiten. Und auf eidgenössischer Ebene könnte ein Gesetz über Musikerziehung geschaffen werden. Ein entsprechender Entwurf stand im Rahmen der Bemühungen des Musikrats bereits vor vier Jahren – als Alternative zu den dann eingereichten Motionen Bangerter und Danioth – zur Diskussion.

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Am 27. Juli 2003 habe ich  in das Forum zum KFG des Bundesamtes für Kultur den folgenden Text eingegeben:

Ernst W. Weber bittet die Forums-Teilnehmer um Aufmerksamkeit. Am Ende dieses Textes wird er sich kurz vorstellen, und er wird darlegen, weshalb er sich – als Privatperson – zu einer Stellungnahme zum KFG legitimiert fühlt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ihre Beiträge (bis zum 16. Juli) habe ich mit grossem Interesse gelesen, und ich bin beeindruckt von der Vielschichtigkeit der Probleme. Wie einige unter Ihnen bin ich der Meinung, dass das KFG in mancherlei Hinsicht Verbesserungen bringen wird, dass der Entwurf aber etwas mutiger sein und auf Kann-Formulierungen verzichten müsste,

Das zu schaffende KFG stützt sich auf BV 69,2, und hier vor allem auf den zweiten Satzteil ("sowie Kunst und Musik, insbesondere im Bereich der Ausbildung, fördern"). Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen die Geschichte dieses Textbausteins kurz schildere und gleichzeitig darlege, was der Gesetzgeber damit bewirken wollte. Es mag Sie erstaunen, dass keine Ihrer Organisationen daran beteiligt war, sondern dass die ganze politische Arbeit über einige Jahre hinweg durch die Koordination Musikerziehung Schweiz KMS geleistet wurde. Diese Organisation wurde 1995 auf Initiative der Schweizer Konferenz Schulmusik SKSM gegründet und umfasste ausserdem alle grossen Laienmusikverbände. In den ersten Jahren wurde sie durch die SKSM geleitet (bis sie zu einer Arbeitsgruppe des Schweizer Musikrates wurde).

Im Februar 1996 beteiligte sich die KMS an der Vernehmlassung zur Revision der Bundesverfassung und schlug vor, den (damaligen) Artikel 74 über Turnen und Sport zu einem Artikel über Musik, Turnen und Sport zu erweitern. Eine erste Hürde war zu überwinden, als sich zeigte, dass das Anliegen auf Grund eines Fehlers der Bundesverwaltung im Vernehmlassungsbericht vergessen worden war. Die KMS konnte erreichen, dass ihre Eingabe allen Mitgliedern der Eidgenössischen Räte nachgeliefert wurde. Nun galt es, einen Parlamentarier zu finden, der den Vorschlag in die Verfassungskommission einbrachte und vertrat. Nach einiger Suche konnte Herr Nationalrat Remo Gysin dafür gewonnen werden. Leider musste er im Laufe der Beratungen Abstriche machen, und übrig blieb die oben genannte Formulierung, die in der Verfassungskommission III zwar eine knappe Zustimmung fand, in der Gesamt-Verfassungskommission des Nationalrates jedoch ebenso knapp unterlag. Glücklicherweise beharrte der Grüne Nationalrat Ostermann in einem Minderheitsantrag darauf, und diesem stimmte der Nationalrat nach einer ausführlichen Debatte am 29. April 1998 mit 82 zu 77 Stimmen zu. Die dabei gefallenen Voten – auch die ablehnenden – betrafen immer die Musik in der Schule.

Die Verfassungskommission des Ständerates wollte auf die Vorlage nicht eintreten (ein auf Wunsch der KMS erfolgter Vorstoss von Frau Ständerätin Forster wurde abgewiesen) und alles schien verloren. Denn der Ständerat wäre seiner Kommission ohne Zweifel gefolgt, und damit wäre der Textbaustein sang- und klanglos aus Abschied und Traktanden gefallen. Der Artikel 69,2 hätte dann, dem Vorschlag des Bundesrates entsprechend, noch gelautet: „Der Bund kann kulturelle Bestrebungen von gesamtschweizerischem Interesse unterstützen." In dieser Situation hat es die KMS in letzter Minute geschafft, Herrn Ständerat Danioth von ihrem Anliegen zu überzeugen, und mit den Argumenten der KMS (sie handelten von der Musik in der Schule) gelang es diesem am 18. Juni 1998 mit einem engagierten Votum, den Ständerat zur Zustimmung mit 21 zu 10 Stimmen zu bewegen.

Wie bereits erwähnt, ist der damit in den Artikel 69 eingefügte Textbaustein der eigentliche Angelpunkt für das KFG. Den meisten von Ihnen, meine Damen und Herren, ist er – dank der Arbeit der KMS, die sie auf weiter Flur völlig allein geleistet hat – in den Schoss gefallen. Natürlich bin ich hoch erfreut, dass dadurch ein Gesetz ermöglicht wird, das die Anliegen der Kulturschaffenden aufnehmen kann. Anderseits muss festgestellt werden, dass es bei den im Parlament in dieser Sache abgegebenen Voten immer um Musik in der Schule ging, bei der Begründung durch den Antragsteller NR Ostermann, in den Voten Fässler, Grendelmeier und Widmer im Nationalrat und Danioth im Ständerat. Deshalb stimmt es mich traurig, dass die ursprüngliche Absicht des Gesetzgebers, den Musikunterricht in den öffentlichen Schulen zu verbessern, im Entwurf zum KFG praktisch nicht vorkommt.

Einzig im Artikel 11 a wird stipuliert, dass der Bund „die Gestaltung der Grundbedingungen für die allgemeine kulturelle Bildung im Unterricht auf allen Stufen des Bildungswesens unterstützen" könne. Dieser Satz ist sprachlich nicht gerade eine Glanzleistung; aber auch inhaltlich scheint er mir eine Leerformel zu sein. Ich habe dem BAK Mitte Mai dieses Jahres vorgeschlagen, den Satz wie folgt zu ändern: „auf die Gestaltung der Grundbedingungen für die allgemeine kulturelle Bildung im Unterricht auf allen Stufen des Bildungswesen Einfluss nehmen." Noch besser wäre es, die „Gestaltung der Grundbedingungen" wegzulassen und auf die Kann-Formulierung zu verzichten..

Diese Änderung entspräche auch den im Kommentar zu Artikel 11 angestellten Überlegungen. Dort wird (auf der ersten von vier Linien) erwähnt, „Ausbildung" könne „Ausbildung in Kunst und Musik innerhalb von Ausbildungsgängen aller Stufen" bedeuten, und im folgenden wird erläutert, dass der Bund im Bereich der Kultur ausbildungsbezogen tätig werden könne, mindestens jedoch prüfen müsse, ob Handlungsbedarf bestehe. Ich kann nicht verstehen, weshalb diese Einsichten im Gesetzestext nicht umgesetzt werden.

Damit würde der Art. 11 auch dem Unterschied zwischen dem im ersten Teil von Art. 69.2 verwendeten „unterstützen" (passiv) gegenüber dem den Zusatz auszeichnenden, aktiven „fördern" besser gerecht. Ob die im Kommentar auf der 4. Zeile erwähnte Ausbildung der Lehrkräfte (die im Fach Musik gesamtschweizerisch definiert werden müsste) darunter subsummiert werden kann, oder ob es besser wäre, dieses Anliegen in einem eigenen alinea explizit zu formulieren, möchte ich zu bedenken geben.

Ein Wort noch zu den "föderalistischen Reflexen", die in der Stellungnahme des SBV angesprochen werden: In beiden Räten ist von Gegnern auf die kantonale Schulhoheit hingewiesen worden (NR Deiss und SR Aeby), und trotzdem haben beide Räte dem Minderheitsantrag Ostermann zugestimmt. Das bedeutet nichts weniger, als dass die kantonale Schulhoheit in diesem Punkt tatsächlich auf Grund der Verfassung eingeschränkt werden kann.

Soviel zu den Grundlagen in der Verfassung. Nun geht die Arbeit des BAK am KFG ja auf einen Auftrag des Bundesrates zurück, der seinerseits durch das Parlament dazu aufgefordert wurde, nämlich durch fünf Vorstösse zum Artikel 69. Die gewichtigsten darunter sind die beiden gleichlautenden, als Postulate überwiesenen Motionen Bangerter im Nationalrat und Danioth im Ständerat. Sie lauten:

Der Bundesrat wird beauftragt, in Ausführung von Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung gesetzliche Grundlagen zu schaffen, um eine landesweite und ganzheitliche Förderung der Musikausbildung zu ermöglichen.

Dieses Ziel soll insbesondere wie folgt erreicht werden:

a Die Pflege der Musik, insbesondere des Singens in der Schule, ist gezielt zu fördern.

b Die fachdidaktischen, organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen für die Ausbildung von Lehrkräften in Musik sind gesamtschweizerisch zu harmonisieren und zu verstärken.

c Die Zusammenarbeit mit den Kantonen und weiteren Trägern der Musikerziehung ist generell sowie durch die Bildung einer Fachgruppe Musik und gegebenfalls eines schweizerischen Kurszentrums Musik zu koordinieren.

Es sind hiezu Konkordate anzustreben.

In diesen Motionen wird die Haupt-Argumentation für den Artikel 69,2 noch einmal deutlich: Es geht um die Pflege der Musik in der Schule, um die Ausbildung der Lehrkräfte in Musik, um die Zusammenarbeit der Kantone in einer Fachgruppe Musik und um ein „Magglingen für die Musik". Die meisten dieser Vorschläge würden den Bund kaum etwas kosten, die Kantone könnten dank Harmonisierung und Koordination sogar entlastet werden.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich hoffe, dass Sie auf Grund meiner Darlegungen mithelfen werden, das Anliegen "Musik in der Schule" im KFG der Absicht des Gesetzgebers entsprechend zu verankern. Die wahre Kultur hat in unserem Land nur dann eine Chance, wenn sie breit abgestützt ist, und dazu ist es unabdingbar, dass alle Kinder in der Volksschule auch in den musischen Fächern durch dafür kompetente Lehrkräfte unterrichtet werden, und wenn Zeichnen und bildnerisches Gestalten, Theater spielen, Tanz und Musik einen hohen Stellenwert haben.

Zu meiner Person: Ich war bernischer Sekundarlehrer phil II, zuletzt an der Sekundarschule Muri bei Bern, wo ich von 1972 bis 1979 Pilotversuche mit erweitertem Musikunterricht durchführte. In den letzten Jahren meines aktiven Schuldienstes war ich in der Lehrerfortbildung intensiv tätig (Musik, Schultanz, Sprecherziehung), ebenso am Sekundarlehramt an der Uni Bern. Im Alter von 50 Jahren hatte ich berufsbegleitend das Lehrdiplom und das Konzertdiplom als Sänger erworben. Von 1988 bis 1991 war ich Koordinator im Nationalfonds-Projekt "Bessere Bildung mit mehr Musik" (Schulversuche an 50 Klassen in der ganzen Schweiz nach dem Muster meiner Pilotversuche). Ich bin zertifizierter Sprecherzieher AAP nach Coblenzer-Muhar.

Das Problem des Musikunterrichts auf der Volksschulstufe treibt mich seit mehr als 30 Jahren um; ich habe zu diesem Thema mehrere Bücher geschrieben. Seit der Gründung der SKSM war ich 10 Jahre lang deren Sekretär. Die Gründung der KMS wurde durch mich angeregt, und auch ihr diente ich während fünf Jahren als treibende Kraft und Sekretär. Im Dezember 1998 erhielt ich vom Schweizer Musikrat den Auftrag, auf Grund des Art. 69,2 BV die Erarbeitung eines Gesetzes zur Musikerziehung vorzubereiten. Daraus resultierten die Motionen Bangerter und Danioth. Der Brief des Musikrates vom Sommer 1999 an die Erziehungsdirektoren über die Ausbildung der Lehrkräfte in Musik, worin wir eine Konferenz der EDK mit den Exponenten der Musikerziehung vorschlugen, wurde von mir angeregt, und er stammt aus meiner Feder.

Vor drei Jahren wurde auf meine Initiative der Verein "Eltern-Kind-Singen" gegründet, der in der Zwischenzeit schon Erstaunliches geleistet hat. Ich bin jetzt 81 Jahre alt. Mehr erfahren (z.B. über Publikationen) können Sie auf meiner Webseite http://users.quick-line.ch/wb-home, aber auch auf www.ceterum-censeo.ch oder www.eltern-kind-singen.ch. Meine Mail-Adresse lautet: ewawe@muri-be.ch

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Am 16. Juni 2005 legte ich der Parlamentarischen Gruppe Musik das folgende Papier vor:

Ernst Waldemar Weber An die Mitglieder der parlamentarischen Gruppe Musik

Musikerziehung in der Schule, Bundesverfassung und Kulturförderungsgesetz

Im Artikel 69 der Bundesverfassung steht in Absatz 2: „Der Bund kann kulturelle Bestrebungen von gesamtschweizerischem Interesse unterstützen sowie Kunst und Musik, insbesondere im Bereich der Ausbildung, fördern." Der kursiv gesetzte Teil dieses Absatzes bildet die eigentliche Grundlage für das Kulturförderungsgesetz. Leider wissen viele nicht, dass dieser Teil der Koordination Musikerziehung Schweiz KMS zu verdanken ist, dem im August 1995 gegründeten Zusammenschluss aller an der musikalischen Erziehung interessierten schweizerischen Verbände (mit mehr als 240'000 Mitgliedern).

Die KMS beteiligte sich an der Vernehmlassung für die neue Bundesverfassung und schlug vor, im Artikel über Turnen und Sport die Musik gleichberechtigt einzubeziehen, und sie bat NR Remo Gysin, sich in der Verfassungskommission 3 des NR für das Anliegen einzusetzen. Leider drang er damit nicht durch; aber er formulierte die oben erwähnte Ergänzung des Kulturartikels. Diese wurde zwar in der VK3 angenommen, in der Gesamtkommission jedoch knapp abgelehnt. NR Ostermann übernahm nun den Text als Minderheitsantrag, und dieser wurde im NR am 29. April 1998 mit 82 zu 77 Stimmen angenommen.

Die Verfassungskommission des Ständerates wollte auf den Minderheitsantrag Ostermann gar nicht eintreten. Aber der KMS gelang es, Herrn SR Danioth dafür zu gewinnen, und dieser brachte den Ständerat am 18. Juni 1998 mit einem engagierten Votum und den Argumenten der KMS (sie handelten alle – wie auch schon die zustimmenden Voten im Nationalrat – von der Musik in der Schule) dazu, den Antrag mit 21 zu 10 Stimmen gutzuheissen.

Unmittelbar nach der Annahme der revidierten Bundesverfassung reichten NR Käthi Bangerter und SR Hans Danioth – in Zusammenarbeit mit der KMS – gleichlautende Motionen ein, die als Postulate überwiesen wurden. Die Motionen lauteten:

Der Bundesrat wird beauftragt, in Ausführung von Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung gesetzliche Grundlagen zu schaffen, um eine landesweite und ganzheitliche Förderung der Musikausbildung zu ermöglichen.

Dieses Ziel soll insbesondere wie folgt erreicht werden:

a Die Pflege der Musik, insbesondere des Singens in der Schule, ist gezielt zu fördern.

b Die fachdidaktischen, organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen für die Ausbildung von Lehrkräften in Musik sind gesamtschweizerisch zu harmonisieren und zu verstärken.

c Die Zusammenarbeit mit den Kantonen und weiteren Trägern der Musikerziehung ist generell sowie durch die Bildung einer Fachgruppe Musik und gegebenenfalls eines schweizerischen Kurszentrums Musik zu koordinieren.

Es sind hiezu Konkordate anzustreben.

In diesen Motionen wird die Haupt-Argumentation für den Artikel 69,2 noch einmal deutlich: Es geht um die Pflege der Musik in der Schule, um die Ausbildung der Lehrkräfte in Musik, um die Zusammenarbeit der Kantone in einer Fachgruppe Musik und um ein „Magglingen für die Musik". Die meisten dieser Vorschläge würden den Bund kaum etwas kosten, die Kantone verlören keine Kompetenzen und könnten dank Harmonisierung und Koordination sogar entlastet werden.

Und nun sind im Entwurf zum KFG – als Kniefall vor der EDK und entgegen dem Willen des Parlaments – ausgerechnet die Anliegen für einen besseren Musikunterricht in den Schulen vollständig untergegangen. Sollte das Gesetz so durchgehen, hätte das verheerende Folgen für die musikalische Kultur in diesem Land. Diese hat nur dann eine Chance, wenn sie breit abgestützt ist, und dazu ist es unabdingbar, dass alle Kinder in der Volksschule auch in den musischen Fächern durch dafür kompetente Lehrkräfte unterrichtet werden. Zeichnen/Bildnerisches Gestalten, Theater spielen, Tanz und Musik müssen einen den andern Fächern entsprechenden Stellenwert erhalten.

Die Hoffnung ruht nun auf dem Bericht „Musikalische Bildung in der Schweiz" und dessen Aussagen über den Stand der Ausbildung der Schulkinder, der grössten und wichtigsten Gruppe unter den zu Bildenden. Alle höheren Ausbildungen, von der Sekundarstufe II über die tertiären Schulungen bis zur Erwachsenenbildung, müssen auf der dort geleisteten Arbeit aufbauen.

In diesem Lichte muss es erstaunen, dass unter Punkt 3.2 für den Musikunterricht innerhalb der obligatorischen Schulzeit von den 15 Seiten nur etwas weniger als eine halbe Seite zur Verfügung steht. Noch erstaunlicher ist der Text, der sich dort findet:„Mit den öffentlichen Schulen in der Schweiz ist jedem Kind im Rahmen seiner Klassengemeinschaft ein kostenfreier und obligatorischer Zugang zu musikalischer Bildung gewährleistet".

Dieser Satz und auch der nachfolgende Text erwecken den Eindruck, alles sei in bester Ordnung. In Wahrheit aber hat sich die Schule bereits weitgehend aus der Musikerziehung abgemeldet: Ein grosser Teil der Schulabgänger – mit Ausnahme derjenigen, die eine Musikschule besucht haben – sind musikalische Analphabeten. Im Materialienband können Sie unter 4.4 lesen, dass die Schülerinnen und Schüler am Anfang des Gymnasiums (also einer Auswahl) im besten Fall über ein musikalisches Wissen verfügen, das den Lehrplänen des 5. Schuljahres entspricht. In der Ausbildung der Lehrkräfte – auch für die Unter- und Mittelstufe, wo ein integrales Patent erworben wird, ist das Fach Musik neuerdings fakultativ, so dass damit gerechnet werden muss, dass immer mehr Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Klassen nicht mehr singen, geschweige denn die Elemente der Musik (was etwa dem ABC oder dem Einmaleins entspräche) erarbeiten können.

Möglicherweise beruht die katastrophal falsche Formulierung auf einem Missverständnis. Im Materialienband findet man unter 3.1 den folgenden Wortlaut: „Die öffentliche Schule erfüllt eine einmalige Funktion: Jedem Kind im Rahmen seiner Klassengemeinschaft einen kostenlosen und obligatorischen Zugang zu einer musikalischen Bildung zu ermöglichen." Das ist leider etwas unvorsichtig formuliert: es müsste heissen: „Die öffentliche Schule hat eine einmalige Funktion zu erfüllen". Dass dieser Sinn gemeint ist, erschliesst sich zweifelsfrei aus dem anschliessenden Text von Bruno Schaller. Die erwähnte Umdeutung (sie wurde durch „gewährleistet" statt „ermöglichen" noch verstärkt), ist unstatthaft und kann auf keinen Fall akzeptiert werden. Der Bericht muss unbedingt korrigiert werden.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass der Bericht eine Innenansicht darstellt, weil die Experten alle im System selber tätig sind. Sie haben sich zwar um Objektivität bemüht, – der Vorwurf der EDK, der Bericht sei defizit-orientiert und setze die Musik dominant, ist nicht gerechtfertigt – aber sie haben Kollegen geschont und nicht alles aufgedeckt, was in der schulischen Musikerziehung schief läuft. Der Bericht müsste deshalb unbedingt ergänzt werden durch eine repräsentative Effizienz-Studie (z.B. an 5000 nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Schulabgängern). Zu erinnern ist dabei an die Nationalfondsstudie „Bessere Bildung mit mehr Musik", wo in den Jahren 1988 bis 1991 mit 50 Klassen Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht durchgeführt und an der Universität Fribourg wissenschaftlich ausgewertet wurden. Diese Klassen erhielten wöchentlich fünf Musikstunden, drei davon auf Kosten von sogenannten Hauptfächern. Die Ergebnisse zeigten, dass in den reduzierten Fächern keine Verluste auftraten, dass die Kinder motivierter zur Schule gingen und sozial kompetenter wurden. Ausserdem waren sie natürlich besser in Musik. In einer 6-jährigen Studie an 5 Klassen in Berlin wurden diese Resultate bestätigt.

Als die Motionen Bangerter und Danioth erarbeitet wurden, stand als Alternative auch der folgende Entwurf eines Gesetzes über Musikerziehung zur Diskussion:

Gestützt auf Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung erlassen die eidgenössischen Räte folgendes

Gesetz über die Ausbildung in Musik

Die Kantone gewährleisten die sorgsame Pflege des Gesangs in den Volksschulen und genügenden Unterricht in den Grundlagen der Musik auf allen Stufen.

Der Bund unterhält in Zusammenarbeit mit den Kantonen eine Fachgruppe Musik, in die jeder Kanton einen Fachbeauftragten delegiert.

Die Fachgruppe Musik erarbeitet 

Richtlinien für die musikalische Ausbildung der Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe (z.B. Aufnahmebedingungen in die Ausbildungsstätte, Rahmenlehrpläne für die Ausbildung, Mindestanforderungen für die Erlangung eines integralen Lehrpatents).

Aufnahmebedingungen für das Studium des Faches Musik auf der Sekundarstufe I.

Rahmenlehrpläne für den Unterricht in Musik auf der Grundstufe, der Primarstufe, der Sekundarstufe I und der Sekundarstufe II.

Einen Katalog der Aufgaben und Kompetenzen der kantonalen Fachberater Musik.

Modelle für die Zusammenarbeit der Schule mit Musikschulen und Blasmusiken.

Unterlagen und Richtlinien für die Förderung des frühkindlichen Singens.

7 Unterlagen für den Aufbau eines schweizerischen Kurszentrums (z.B. Musiklager jeglicher Art von Kindern und Jugendlichen, Kurse für Schulinspektoren, Ausbildungskurse für Dirigenten von Kinder- und Jugendchören- und Orchestern, Instruktionskurse für Leiter von Brassbands, Kurse für Animatoren des Eltern-Kind-Singens, Lehrerfortbildung).

Eine schweizerische Dokumentationsstelle für Musikdidaktik dient als Hilfe für die regionalen Zentren.

Eine Verordnung regelt den Übergang, bis der nötige Ausbildungsstand bei allen Lehrkräften erreicht ist.

Vielleicht sollte man jetzt, wo klar geworden ist, dass über das KFG keine Verbesserung des schulischen Musikunterrichts zu erwarten ist, darauf zurückkommen und im Parlament ein solches Gesetz anstreben.

Zum Schluss gestatte ich mir, auf mein neues Buch „Die Mitte im Kreis der Intelligenzen ist die Musik" hinzuweisen. Sie finden darin auch Anregungen und Argumente für eine echte Kulturförderung an der Basis, nämlich für einen guten Musikunterricht in unseren Schulen.

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