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Meine Aktivitäten im Schweizer Musikrat

Als Nachfolgeorganisation der IASEM wurde am 13. Februar 1992 in Bern die Schweizer Konferenz Schulmusik SKSM gegründet. Sie übernahm einige meiner Vorschäge, und ich für den Anfang als Sekretär zur Verfügung. Weil die SKSM in der Folge Mitglied des Musikrats wurde, erhielt ich als Delegierter eine Plattform für meine Ideen, und so blieb ich Sekretär und Kassier der IASEM bis ins Jahr 2000. Als Delegierter, zunächst der SKSM und später der Orff-Schulwerk-Gesellschaft, konnte ich eine ganze Reihe von Ideen einbringen und teilweise sogar umsetzen.

KMS

Lehrerbildung/MAR

Bundesverfassung

Motionen

Jugend+Musik

Artikel SMZ

Manifest

Da war zunächst das Manifest "Welche Schule heute für die Schweiz von morgen?" von 1993, das seiner Zeit weit voraus war. Näheres dazu am Schluss dieser Seite.

Die KMS (die in ihrer ersten, aktiven Zeit unabhängig war) wurde auf meine Initiative gegründet, und die Ideen kamen alle von mir: zunächst war es die Teilnahme an den Diskussionen zur neuen Lehrerbildung und zum Maturitäts-Anerkennungs-Reglement MAR. Die in unseren Briefen an die Erziehungsdirektoren aufgeführten Erläuterungen und Begründungen haben zum Beispiel den Kanton Bern veranlasst, aus einem Teil der Seminare Maturitätschulen mit den besonderen Schwerpunkten im musischen Bereich entstehen zu lassen. Ferner wurde im ehemaligen Lehrerseminar Hofwil eine Maturitätschule für Hochbegabte in den Bereichen Kunst, Musik und Sport eingerichtet.

Ein fast unglaublicher Erfolg war der Artikel 69,2 in der Bundesverfassung, der für das Kulturförderungsgesetz grundlegend war, angefangen mit der Teilnahme an der Vernehmlassung, der Einschleusung in die parlamentarische Beratung bis zur Intervention in letzter Minute im Ständerat, alles im Namen der KMS, aber eigentlich im Alleingang.

Nachdem die KMS zu einer Arbeitsgruppe des Musikrates geworden war, liess ich mir von ihr die Aufgabe zuteilen, auf Grund des neuen Verfassungsartikels ein Gesetz über die Musikerziehung vorzubereiten. So kamen die Motionen Bangerter und Daniothzustande, die als Postulate überwiesen wurden. Leider liess es der Musikrat in der Folge gelinde gesagt an der Unterstützung für seine Motionen fehlen, so dass sie schliesslich abgeschrieben wurden. Ihre Umsetzung hätte weit mehr gebracht als die Initiative Jugend+Musik, besonders für die Schulen.

Die Idee Jugend+Musik habe ich allein eingebracht. Es gelang mir, die KMS für ein Musikfest Jugend+Musik zu begeistern, das ich dann weitgehend organisierte, aber nicht mehr durchführte, nachdem ich aus der Arbeitsgruppe Jugend+Musik, die ich initiiert und geleitet hatte, mit fiesen Tricks ausgebootet worden war. Nach meinem Ausscheiden versandete der Elan der KMS, bis sie schliesslich aufgelöst wurde.

Aufs Ganze gesehen, kann ich sehr zufrieden sein mit dem Erreichten. Die grosse, ohne Entgelt geleistete Arbeit und das unermüdliche Engagement haben sich gelohnt. Dass Frau Bally, die Sekretärin des Musikrats mir den Erfolg nicht gönnte, ist irgendwie verständlich, denn die meisten Kernaufgaben des Musikrats hatten mit meinen Anliegen zu tun, und anderseits hatte der Musikrat zwei finanzielle Debakel (Video und Dokumentation) zu verkraften. Aber das unwürdige Mobbing lässt sich so nicht rechtfertigen.

Meinerseits wandte ich mich - im Zusammenhang mit einem Vorstoss von Frau Nationalrätin Leutenegger Oberholzer - abschliessend mit dem folgenden Artikel an die Öffentlichkeit.

Musik in der Schule: Ein Trauerspiel                 Schweizer Musikzeitung Oktober 2008

(SMZ) Seit 1995 wird in der Schweiz offiziell für eine bessere Musikausbildung in der Schule gekämpft. Der Autor zeigt auf, welche Rolle dabei der Schweizer Musikrat und weitere Organisationen gespielt haben. Mit einem neuen Antrag soll die Musikausbildung doch noch Eingang ins Kulturförderungsgesetz finden.

Ernst Waldemar Weber

Im Jahre 1999 wurden in den Eidgenössischen Räten in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Musikrat (SMR) zwei gleichlautende Motionen eingereicht. Es waren die Motionen von Ständerat Hans Danioth und Nationalrätin Käthi Bangerter mit dem Wortlaut:

Förderung der Musik-Ausbildung

Der Bundesrat wird beauftragt, in Ausführung von Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung, gesetzliche Grundlagen zu schaffen, um eine landesweite und ganzheitliche Förderung der Musikausbildung zu ermöglichen.

Dieses Ziel soll insbesondere wie folgt erreicht werden:

Die Pflege der Musik, insbesondere des Singens in der Schule, ist gezielt zu fördern.

Die fachdidaktischen, organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen für die Ausbildung von Lehrkräften in Musik sind gesamtschweizerisch zu harmonisieren und zu verstärken.

Die Zusammenarbeit mit den Kantonen und weiteren Trägern der Musikerziehung ist generell sowie durch die Bildung einer Fachgruppe Musik und gegebenenfalls eines schweizerischen Kurszentrums Musik zu koordinieren.

Es sind hiezu Konkordate anzustreben.

Beide Motionen wurden als Postulate überwiesen, und sie waren – neben drei weiteren, weniger gewichtigen Postulaten – der Anlass für den Auftrag des Bundesrates an das Bundesamt für Kultur zur Ausarbeitung eines Kulturförderungsgesetzes (KFG) aufgrund des Artikels 69,2 der Bundesverfassung.

Der Musikrat und das KFG

Da sich schon seit einiger Zeit abgezeichnet hatte, dass die Musik in der Schule im Kulturförderungsgesetz keinen Platz finden würde, wurde der Vorstand des SMR an der Delegiertenversammlung 2006 beauftragt, einen Bericht darüber vorzulegen, was er im Laufe der Jahre für die Umsetzung der beiden Motionen getan habe. Dieser Bericht wurde leider vergessen, wofür sich der damalige Präsident Alois Koch an der DV entschuldigte. Aber auch an der DV 2008 lag der Bericht noch immer nicht vor.

Es sieht so aus, als ob sich der Musikrat um diesen Auftrag drücken möchte, und die Vermutung liegt nahe, dass hier eben gar nichts zu berichten wäre, weil sich der SMR überhaupt nicht um die Umsetzung bemüht hat, weder im Rahmen des Kulturförderungsgesetzes noch in der Form eines Gesetzes über die Musikerziehung in der Schule.

Dabei hätte der SMR diese Möglichkeiten durchaus gehabt: Er war in der Steuergruppe, die das KFG vorbereitete, durch Isabelle Mili, seine heutige Präsidentin, vertreten. Ob sie sich in diesem Gremium für die Umsetzung der Motionen eingesetzt hat, wurde nie kommuniziert, obschon an den Delegiertenversammlungen entsprechende Fragen gestellt wurden. Es ist also davon auszugehen, dass Isabelle Mili in dieser Beziehung untätig war.

Als der Expertenbericht über den Stand der Musikerziehung in der Schweiz mit einer irreführenden, der Expertenmeinung völlig widersprechenden Zusammenfassung veröffentlicht wurde, verzichtete der SMR auf einen Protest. In dieser Zusammenfassung wurde behauptet, mit den öffentlichen Schulen in der Schweiz sei für jedes Kind im Rahmen seiner Klassengemeinschaft ein kostenfreier und obligatorischer Zugang zu musikalischer Bildung gewährleistet. Und als 2006 aufgrund dieses Berichts die Motion Danioth mit abstruser Begründung abgeschrieben wurde, hat es der Musikrat nicht einmal bemerkt.

Der Motion Bangerter erging es etwas besser: Im Jahre 2006 beantragte die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrats (WBK-N) bei ebendiesem Rat mit Erfolg, mit der Abschreibung der Motion zuzuwarten, bis diese «im Rahmen des Kulturförderungsgesetzes umgesetzt» sei. Nun hat die WBK-N das KFG behandelt, aber im bereinigten Entwurf, der den Räten vorliegt, ist auch nicht der leiseste Ansatz zugunsten der Musik in der Schule auszumachen.

Zwei Dinge sind dabei interessant: Der Musikrat hatte in der Vernehmlassung zum Gesetzesentwurf sein Versäumnis in der Steuergruppe gutzumachen versucht mit dem Vorschlag, in Artikel 6 (heute Art. 10) als neues Alinea den verbindlichen Bundesauftrag für die Förderung und Koordination auch der schulischen und ausserschulischen musikalischen Bildung einzufügen. In die Fassung des Bundesrates wurde diese Forderung jedoch nicht aufgenommen, und deshalb hätte Nationalrätin Brigitte Häberli-Koller (sie sitzt auch im Vorstand des Musikrates!) eigentlich in der WBK-N darauf zurückkommen müssen. Sie hat es nicht getan, und auch an die Motion Bangerter (und die Stellungnahme der WBK-N von 2006) hat sie offenbar nicht erinnert. Es gab keinen Antrag zugunsten der Musik in der Schule, und in dieser enttäuschenden Fassung ist das Kulturförderungsgesetz in der Herbstsession 2008 vor den Nationalrat gekommen. Glücklicherweise konnte es nicht abschliessend behandelt werden, so dass sich in der Dezembersession eine letzte Chance ergibt.

Ein Gesetz über die Musikerziehung

Aber auch die zweite Möglichkeit, die Erarbeitung eines eigenen Gesetzes über die Musikerziehung, hat der Musikrat völlig ausgeblendet, obschon seit 1999 ein Entwurf vorlag. Als die SP-Fraktion sich damit befasste, gab es von unbekannter Seite ein Sperrfeuer mit persönlichen Verunglimpfungen, was leider zum Abbruch der Beratung führte. Und als der Entwurf der Parlamentarischen Gruppe Musik vorgelegt wurde, zeigte diese (ebenso wie der Musikrat) keine Reaktion.

So sah der Entwurf aus:

Gestützt auf Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung erlassen die eidgenössischen Räte folgendes

Gesetz über die Ausbildung in Musik

Die Kantone gewährleisten die sorgsame Pflege des Gesangs in den Volksschulen und genü- genden Unterricht in den Grundlagen der Musik auf allen Stufen.

Der Bund unterhält in Zusammenarbeit mit den Kantonen eine Fachgruppe Musik, in die jeder Kanton einen Fachbeauftragten delegiert.

Die Fachgruppe Musik erarbeitet

Richtlinien für die musikalische Ausbildung der Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe (z.B. Aufnahmebedingungen in die Ausbildungsstätte, Rahmenlehrpläne für die Ausbildung, Mindestanforderungen für die Erlangung eines integralen Lehrpatents,

Aufnahmebedingungen für das Studium des Faches Musik auf der Sekundarstufe I,

Rahmenlehrpläne für den Unterricht in Musik auf der Grundstufe, der Primarstufe, der Sekundarstufe I und der Sekundarstufe II,

einen Katalog der Aufgaben und Kompetenzen der kantonalen Fachberater Musik,

Modelle für die Zusammenarbeit der Schule mit Musikschulen und Blasmusiken,

Unterlagen und Richtlinien für die Förderung des frühkindlichen Singens,

Unterlagen für den Aufbau eines schweizerischen Kurszentrums (z.B. Musiklager jeglicher Art von Kindern und Jugendlichen, Kurse für Schulinspektoren, Ausbildungskurse für Dirigenten von Kinder- und Jugendchören- und Orchestern, Instruktionskurse für Leiter von Brassbands, Kurse für Animatoren des Mutter-Kind-Singens, Lehrerfortbildung).

 Eine schweizerische Dokumentationsstelle für Musikdidaktik dient als Hilfe für die regionalen Zentren.

Eine Verordnung regelt den Übergang, bis der nötige Ausbildungsstand bei allen Lehrkräften erreicht ist.

Koordination der Musikerziehung

Wenn man sich fragt, warum sich der Musikrat in den Belangen der schulischen Bildung im Fach Musik so schwer tut, stösst man auf die Koordination Musikerziehung Schweiz (KMS). Diese wurde im Jahre 1995 gegründet und umfasste alle Musikverbände, die sich auch mit Nachwuchsfragen beschäftigen: den Eidgenössischen Musikverband, den Eidgenössischen Jugendmusikverband, den Eidgenössischen Orchesterverband, die Schweizerische Chorvereinigung, den Schweizerischen Kirchengesangsbund, den Verband Musikschulen Schweiz, die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Jugendmusik und Musikerziehung, den Schweizerischen Musikpädagogischen Verband, die Arbeitsgemeinschaft der Schulmusik-Seminarleiter und die Schweizer Konferenz Schulmusik (SKSM). Unter der Leitung der SKSM legte die KMS von Anfang an ein forsches Tempo vor. Schon innerhalb des ersten Jahres ihres Bestehens verarbeitete sie drei grosse Brocken:

Zunächst war sie – im Unterschied zum Musikrat – an der Vernehmlassung zur Reform der Bundesverfassung beteiligt und hat vorgeschlagen, den Artikel über Turnen und Sport um «Musik» zu erweitern. Dann hat sie sich intensiv mit dem neuen Maturitäts-Anerkennungs-Reglement und seinen Auswirkungen auf die Kunstfächer Musik und Zeichnen/Bildnerisches Gestalten auseinandergesetzt und sich mit den daraus resultierenden Empfehlungen an die einzelnen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren gewandt. Schliesslich ging es um die Umsetzung der «Empfehlungen» der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) vom Oktober 1995 und damit um die zukünftige Gestaltung der Lehrerbildung in den Kantonen. In ihrer Eingabe an die EDK wies die KMS auf «die Gefahr (hin), dass Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen und Lehrer zukünftig ohne genügende musikalische Fähigkeiten in ihren Klassen stehen und damit die breite Verankerung unserer musikalischen Kultur gefährden würden».

In der KMS wurde auch die Idee «Jugend+Musik» erstmals vorgetragen und in der Folge mit dem Musikfest J+M lanciert. Und die Revision der Bundesverfassung begleitete die KMS in engem Kontakt mit Nationalrat Remo Gysin, der den Vorschlag in der Verfassungskommission 3 vertrat und, weil er damit nicht durchkam, in den nachmaligen Artikel 69,2 umwandelte. Da dieser dann in der Gesamtkommission scheiterte, übernahm ihn Nationalrat Ostermann als Minderheitsantrag und hatte damit im Nationalrat mit 82 gegen 77 Stimmen knapp Erfolg. Aber die Kommission des Ständerates wollte darauf nicht eingehen. Drei Tage vor der Verhandlung gelang es der KMS, Ständerat Hans Danioth für das Anliegen zu gewinnen. In seinem engagierten Plädoyer verwendete er die Argumente der KMS, und er wies auch (als Antwort auf Bedenken von Bundesrat Koller) auf die dahinter stehenden 240 000 Mitglieder hin. Und mit dem deutlichen Resultat von 21 zu 10 Stimmen stimmte der Ständerat dem Minderheitsantrag Ostermann zu. Hätte die KMS den Musikrat machen lassen, wäre der Ständerat auf das Geschäft nicht eingetreten, und der Artikel wäre sang- und klanglos aus Abschied und Traktanden gefallen.

Verweigerung des Musikrates?

Die KMS hatte sich in den Schweizer Musikrat integrieren lassen. Das brachte den Vorteil grösseren Gewichts, führte aber zu unliebsamen Interventionen der Generalsekretärin. Die letzte eigentliche Aktion der KMS war der Beschluss vom 4. Dezember 1998, aufgrund des neuen Verfassungsartikels die Schaffung eines Gesetzes über die Musikerziehung in die Wege zu leiten. Dieser Auftrag führte nach umfangreichen Abklärungen innert kurzer Zeit zu den Motionen Danioth und Bangerter. Aber weil das Geschäft ausdrücklich nicht dem Generalsekretariat übertragen worden war, konnte dieses sich den Erfolg nicht gutschreiben, wie es beim Verfassungsartikel und bei J+M (unberechtigterweise) geschehen war.

Konnte sich der Musikrat deshalb mit den Motionen nicht identifizieren? Mussten sie deshalb «verdrängt» und die Urheber kleingemacht werden? Jedenfalls hat der Vorstand des Schweizer Musikrates «seine» Motionen nie wirklich unterstützt, er hat zu ihrer Umsetzung nie etwas unternommen. Und wenn er an Delegiertenversammlungen daran gemahnt wurde, reagierte er unwillig oder gar nicht. Durch dieses Verhalten hat er die Anliegen der KMS – und damit seine eigenen – verraten.

In seinem Rechenschaftsbericht über die Motionen – wenn er ihn denn endlich vorlegt – müsste der Schweizer Musikrat auch auf die erwähnten Vermutungen eingehen. Sollten sie sich bewahrheiten, dann müsste man sich ernsthafte Gedanken machen über die Führung dieses Dachverbands. Natürlich tragen der Vorstand und die Präsidentschaft letztlich die Verantwortung, aber niemals dürften strategische Entscheide von persönlichen Empfindlichkeiten einer tüchtigen Generalsekretärin abhängig sein.

Die Initiative Jugend + Musik

Der Anstoss zu dieser Initiative kam nicht vom Musikrat, sondern vom Verband Musikschulen Schweiz und vom Verein Jugend+Musik. Dass der Schweizer Musikrat darauf eingetreten ist, obschon die Ziele der Initiative mit denen der Motionen weitgehend übereinstimmen, stützt die oben geäusserte Vermutung; diesmal mussten keine Rücksichten genommen werden.

Im Unterschied zum Initiativtext, der allgemeiner gefasst ist, sind die Motionen konkreter formuliert: Sie legen Wert auf das Singen und auf den Kern der Misere, die Ausbildung der Lehrkräfte, und sie zeigen den Weg zur Verwirklichung, nämlich über die Konkordanz der Kantone. Deshalb gäbe ich den Motionen den Vorzug. Die Initiative ist nach meiner Ansicht dennoch nötig, mindestens um Druck zu machen auf die Politik.

Am 23. März 2007 sagte ich vor der Parlamentarischen Gruppe Musik unter anderem: «Bei aller Begeisterung ist jedoch zu bedenken, dass dieser Weg erst nach 10 bis 15 Jahren zu Gesetzen und damit zu den gewünschten Wirkungen führen kann. Zum Glück müssen wir nicht so lange warten; denn Sie können jetzt schon handeln, und zwar aufgrund des Artikels 69,2. Sie können die Umsetzung der erwähnten Motionen (die genau das konkretisieren, was in der Verfassungsinitiative gefordert wird) in Gang setzen oder ein Gesetz einbringen, wie es schon vor acht Jahren zur Diskussion stand.

Das Ja zu dieser Initiative darf nicht nur eine Absichtserklärung sein, die allenfalls erst Jahre später einzulösen ist. Ihr Ja zu dieser Initiative soll ein Bekenntnis dafür sein, heute schon für diese Anliegen einzutreten durch Vorstösse und deren Unterstützung

Leider waren diese Worte in den Wind gesprochen. Dabei mag bei Politikern auch eine Rolle spielen, dass bis zur Stunde der Wahrheit, nämlich der Umsetzung dieser Ideen, ein ganzes Jahrzehnt verstreichen wird. In diesem Zusammenhang sei an den ersten Punkt des Statements von Hans Ambühl, dem Generalsekretär der EDK, am 2. November 2007 in Aarau erinnert: «Das schweizerische Bildungssystem steht in einer Entwicklungsphase, welche an die musikalische Bildung zentrale Herausforderungen stellt. Wir können die damit verbundenen Chancen für lange Zeit nur einmal verpassen: jetzt.»

Letzte Hoffnung in der Dezembersession

Von der KMS war seither kaum mehr etwas zu hören. Sie dümpelte als Arbeitsgruppe dahin, bis sie im Jahr 2007 aufgelöst wurde. Vielleicht sollten sich die betroffenen Verbände – sie sind ja ein gewichtiger Teil des Musikrates – zurückmelden.

Zum Thema Musik in der Schule zeigt der Musikrat weiterhin eine schwer verständliche Haltung. Dass er in der WBK-N noch den eigenen Vorschlag (aus der Vernehmlassung) preisgegeben hat, ist nicht nachvollziehbar. Einer Eingabe, die eine repräsentative Studie über die musikalischen Fähigkeiten von Schulabgängern vorschlug, verweigerte er – mit einer Begründung von blauäugiger Unbedarftheit – die Weiterleitung an den Adressaten, die Parlamentarische Gruppe Musik. Diese Eingabe musste übrigens dreimal eingereicht werden, weil sie immer wieder verloren gegangen war!

Erfreulicherweise hat im Nationalrat Susanne Leutenegger Oberholzer die Initiative ergriffen und für die Behandlung des Kulturförderungsgesetzes in der Dezembersession den folgenden Antrag gestellt:

Art. 10 a (neu) Musikalische Bildung

Der Bund fördert in Ergänzung zu kantonalen und kommunalen Bildungsmassnahmen die musikalische Bildung.

Begründung:

Die Förderung der musikalischen Bildung ist als Auftrag in der Bundesverfassung (Art. 69 Abs. 2 BV) verankert - dies nach einer eingehenden Diskussionen im Parlament. Die Bestandsaufnahme über das bestehende Angebot der musikalischen Aus- und Weiterbildung in der Schweiz im Bericht des Bundesrates „Musikalische Bildung in der Schweiz" (Frühjahr 2005) zeigt die Defizite deutlich auf. Es ist deshalb von zentraler Bedeutung, dass die musikalische Bildung im Kulturförderungsgesetz explizit verankert wird.

Wie im Sport kann ohne eine breite musikalische Bildung und Förderung kein Nachwuchs aufgebaut werden. Die ausser- und vorschulische Nachwuchsförderung im Bereich Musik beginnt bei Kindern im Vorschulalter, das heisst, lange vor der beruflichen Ausbildung. Die Analogie zur Bedeutung des Jugendsportsports liegt auf der Hand. Im Bereich des Sports wurde gestützt auf die BV (vgl. Art. 68 BV) bereits 1972 ein Gesetz über die Förderung von Turnen und Sport erlassen.

Das Kulturförderungsgesetz bietet eine ganz ausgezeichnete Chance, nicht nur die Kulturpolitik in unserem Land auf eine neue Ebene zu stellen, sondern auch in der Bildungslandschaft neue Akzente zu setzen. Mit der expliziten Erwähnung im dritten Abschnitt zu den Förderungs- und Unterstützungsmassnahmen wird der Bedeutung der musikalischen Bildung Rechnung getragen.

Dieser Vorstoss entspricht etwas abgeschwächt ungefähr dem Vorschlag des Schweizer Musikrates. Er ist die letzte Chance, dass im Rahmen des Kulturförderungsgesetzes etwas von dem verwirklicht werden kann, was der Gesetzgeber mit dem Zusatz im Artikel 69,2 der Bundesverfassung eigentlich wollte. Für den Musikrat wäre es den Einsatz wert, über seine Verbände möglichst viele Nationalrätinnen und Nationalräte dafür zu gewinnen und so die Scharte endlich ein wenig auszuwetzen.

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Manifest: Welche Schule heute für die Schweiz von  morgen?

Im Jahre 1992 trat die SKSM in den Musikrat ein, und ich war ihr Delegierter. Damals ging das Gespenst der Fünftagewoche um, und die Instrumentallehrer fürchteten einen Rückgang der Schülerzahlen, weil keine oder weniger freie Nachmittage zur Verfügung stehen würden und der freie Samstagvormittag keine Alternative wäre. Besonders Roman Widmer aus Luzern, der im Vorstand des Musikrates sass, machte sich deswegen Sorgen  und schlug vor, die Einführung der Fünftagewoche in den Schulen offiziell zu bekämpfen. Ich wandte mich dagegen mit dem Argument, diese Entwicklung sei durch uns nicht aufzuhalten und es wäre besser, veränderte Schulstrukturen vorzuschlagen, die es ermöglichen würden, den Instrumentalunterricht während der Unterrichtszeit abzuhalten. Man ging darauf ein, und wir  erarbeiteten folgenden Text:

Das Manifest des Schweizer Musikrates von 1992

Der heutigen Schule wird vorgeworfen, sie sei kopflastig, sie verhindere durch Stoffdruck, Zeitnot und Zwang zu Selektion eine harmonische Entwicklung der Persönlichkeit.

Es gilt, in der breiten Öffentlichkeit ein Bewusstsein für fortschrittliche und zukunftsträchtige Ziele, Inhalte und Formen der Schulbildung zu entwickeln; solche sind bereits in vielen Lehrplänen enthalten und werden von vielen Lehrkräften verwirklicht. Zur Unterstützung dieser Bestrebungen vertreten die unterzeichnenden Organisationen folgende Gedanken und Forderungen zur Neuorientierung von Bildung und Unterricht:

Ganzheitliche Bildung in allen Fächern

Erziehung und Bildung sollen dem Menschen ermöglichen, als Individuum ein verantwortungsvoll selbstbestimmtes und sinnvoll erfülltes Dasein zuführen und als Glied einer freien, demokratischen Gemeinschaft seinen Beitrag zu leisten. Eltern, Kindergarten und Schule tragen dazu bei.

Von der Schule erwarten viele vor allem Schulung des «Kopfes», also Entwicklung des Denkens, der Intelligenz. Vor rund 200 Jahren schon forderte allerdings Pestalozzi, «Kopf, Herz und Hand» seien gleichwertig  zu bilden. Heute beginnen wir einzusehen, wie wichtig dieser Grundsatz für das Leben des Einzelnen wie für die Gesellschaft insgesamt ist. Intelligenz ohne «Herz» zerstört letztlich die Grundlagen des Lebens; und kluge Menschen mit «Herz», aber ohne «Hand» und Handlungsfähigkeit, vermögen dies nicht zu verhindern.

Für das Leben lernen, heisst tatsächlich Kopf, Herz und Hand bilden, also die Kräfte des Denkens schulen, den Reichtum des Gemüts entwickeln, die Geschicklichkeit der Hände und damit auch Intelligenz und Willenskräfte fördern.

Wir wissen heute, dass die linke und die rechte Hälfte unseres Gehirns unterschiedliche Aufgaben erfüllen; wir benötigen für unser Leben die Fähig-keiten beider Hirnteile; beide helfen uns, die vielfältigen Anforderungen und Aufgaben unseres Daseins zu bewältigen. In der Schule hat dies nach durchdachten Lehrplänen und unter pädagogischer Führung zu erfolgen.

Im Schulbereich zeichnet sich in den letzten Jahren eine Weiterentwicklung und Neuorientierung ab, die breite Unterstützung durch Eltern und Behörden verdient:

In den traditionell als «wichtig» erachteten Fächern werden vorwiegend jene Fähigkeiten angesprochen und gefördert, die hauptsächlich der linken Hirnhälfte zugeschrieben werden; besonders wichtig ist die Fähigkeit, abstrakt denken zu können. Bis vor kurzem meinte man, dieses (sogenannt diskursive) Denken genüge zur Lösung der in Technik und Wirtschaft gestellten Aufgaben. Als «intelligent» galt, wer logisch-analytisch denken konnte und über «solides» Wissen und rasche Auffassungsgabe verfügte.

Mehr und mehr erfahren und erkennen wir: Ein gesunder Mensch und eine menschliche, menschenwürdige Gesellschaft benötigen noch ganz andere Kräfte; wir müssen wirklich mit «Kopf, Herz und Hand» die Welt erfassen.

Ballast abwerfen, Mut zur Vertiefung

Bei der Neugestaltung der Lehrpläne der Schule wurden zwar Einsichten Pestalozzis und die Erkenntnisse der Hirnforschung berücksichtigt. In der schulischen Praxis wird aber der «Kopf» (genauer. die linke Hirnhälfte) nach wie vor bevorzugt, nicht zuletzt deswegen, weil unser traditionelles Auslese- und Prüfungssystem hauptsächlich darauf ausgerichtet ist.

Die übliche fachbezogene Behandlung der Wirklichkeit genügt nicht mehr. Der Unterricht muss Brücken zwischen den behandelten Teilgebieten bauen. Ebenso wichtig wie ein fächerübergreifendes, vernetzendes, die Zusammenhänge vertieft erfassendes Erarbeiten ist ein intensives Einüben geeigneter Arbeitstechniken. Vertiefung und schülerorientierte Erarbeitung sind nur möglich, wenn die Menge der Bildungsstoffe exemplarisch ausgewählt, also reduziert, dafür aber besser verwurzelt wird.

Individualisierende und gemeinschaftsfördernde Unterrichtsformen wie Projekt- und Werkstattunterricht sowie Arbeit mit Wochen- und Quartalsplänen sind daher zu fördern und zu unterstützen. In ihnen werden tatsächlich «Kopf, Herz und Hand» erfasst; die Schüler lernen weitgehend selbständig und selbstverantwortlich, sie entwickeln alle ihre Kräfte und vertiefen sich in Stoffe und Aufgaben.

Damit ganzheitliches Lehren und Lernen möglich wird, ist ein Abbau der in den letzten Jahren ständig gewachsenen Stoffpensen unumgänglich: Weniger ist mehr! Dazu braucht es ein Verständnis für individualisierenden und gemeinschaftsfördernden Unterricht wie z.B. Projekt- und Werkstattunterricht; diese notwendige Ausrichtung gelingt nur, wenn die Öffentlichkeit, vorab Eltern, Mitglieder der Schulbehörden und Kreise der Wirtschaft, die Bedeutung dieser Ansätze erkennen und deren praktische Durchführung unterstützen.

Eigene Leistungen einschätzen lernen

Für die menschliche Entwicklung sind nicht nur die erreichten Ziele oder Werke (Produkte), sondern auch die Wege dazu wichtig. Wege und Ziele müssen dem Individuum entsprechen; die Beurteilung hat das Ziel, es in seiner persönlichen Entfaltung zu unterstützen.

Schülerinnen und Schüler sollen angeleitet werden, ihre Leistungen selber kritisch einzuschätzen. Diese Einschätzung wird bei der Gesamtbeurteilung berücksichtigt und damit die übliche Fremdbeurteilung sinnvoll ergänzt. Bei der Leistungsbeurteilung, und somit auch bei jeder Selektion, sollten die Qualitäten beider Hirnhälften erfasst werden.

In der Schule wie im Leben sind Leistungen zu erbringen; Freude, Spass und Spiel gehören dazu.

Bildungsziel ist der mündige, in Freiheit an sittliche Werte gebundene, selbstverantwortlich handelnde Mensch. Heranwachsende brauchen Gelegenheiten, verantwortlich Entscheidungen zu treffen; Erziehung zur Mündigkeit befähigt und ermuntert sie, ihr Tun zu beurteilen.

Alle für alle und jedem das Seine

Die traditionelle Schule versucht, alle gemäss ihren Begabungen zu fördern; zu diesem Zweck trennt sie die Schüler schon sehr früh auf Grund der schulischen Leistungen. Diese Selektion, die im Auftrag der Gesellschaft rechtlich abgesichert vorgenommen werden muss, führt dazu, dass die leichter messbaren Leistungen der sogenannten «Hauptfächer» (bzw. der linken Hirnhälfte) bevorzugt werden. Das damit verbundene System der Leistungsnoten versetzt Schülerinnen und Schüler in einen Wettbewerb aller gegen alle. Sie werden dazu geführt, sich egoistisch auf Konkurrenz auszurichten; sie lernen aber nicht, dem anderen zu helfen, für eine gemeinsame Sache tolerant und solidarisch zusammenzuarbeiten und (Mit-) Verantwortung zu übernehmen.

Im späteren privaten Leben, aber auch in Forschung, Wirtschaft und Staat müssen anspruchsvolle Aufgaben mehr und mehr partnerschaftlich und im Team gelöst werden.

Erziehung und Unterricht sollen sowohl persönliche Selbständigkeit wie auch Teamgeist und Gemeinschaftsfähigkeit gezielt entwickeln, beispielsweise durch Partner- und Gruppenarbeit, durch den bereits erwähnten Werkstattunterricht, durch klassen- und f'ächerübergreifende Projekte, durch Fest und Feier.

Die für eine Demokratie vorauszusetzenden Fähigkeiten der Mitwirkung und Mitentscheidung können bereits im Unterricht entwickelt werden: Selbständigkeit lässt sich einüben, und in wachsendem Masse sind die Schüler als Betroffene auch zu Entscheidungen, die sie betreffen, mitverantwortlich beizuziehen.

Freiräume bieten und erfüllen

Kindheit ist heute weitgehend zur «Fernsehkindheit» geworden; das Massenmedium Fernsehen beeinflusst Erfahrungen und Wissen und führt zu einem eindimensionalen Weltbild. Kinder und Jugendliche brauchen in Schule und Freizeit Gelegenheiten, ihre Umwelt mit allen Sinnen zu erleben; wo es angeht, sollen sie Teile der Wirklichkeit im Massstab 1:1 anschaulich und handgreiflich erfahren. Bildungsstoffe sind in der Schule so zu vermitteln, dass die Wirklichkeit vernetzt erfahren und zugrunde liegende Gesetzmässigkeiten erkannt werden. In allen Fächern werden so entscheidende Fähigkeiten für das künftige Leben entwickelt; sie sind solide Grundlagen für die später zu erwerbenden (beruflichen) Fachkenntnisse.

Künftige Entwicklungen wie Tagesschulen, Blockzeiten ohne Nachmittagsunterricht und schulfreier Samstag sind nur sinnvoll, wenn gleichzeitig schulische Pensen abgebaut und andere Aktivitäten (z.B. Instrumentalunterricht) in den Schulrahmen eingebaut werden. Schulen, die individualisierende und gemeinschaftsfördernde Unterrichtsformen zulassen, können dies ohne Schwierigkeiten realisieren.

Auch während der Woche müssen Freizeit und Freiräume für Kinder und Jugendliche gewährleistet bleiben; Angebote für sinnvolle ergänzende Freizeitaktivitäten sind auszubauen (Spielgruppen, Musikschulen, Jugendgruppen, usw.).

Angesichts kürzerer Arbeitszeiten müssen wir in Zukunft fähig sein, die Freizeit aktiv zu gestalten und zu erfüllen, dies ist auch ein Weg, der vor einem Abgleiten in blossen Konsum (z.B. Manipulation durch die Medien) und einer Flucht in Scheinwelten (z.B. Drogen) bewahrt.

Die Schule ist nicht das ganze Leben, Kinder und Jugendliche brauchen schulfreie Zeiten, Freiräume für selbstgewählte Aktivitäten: Sport, Musizieren, Basteln, Spiel und Erholung.

Bildung braucht gute Weile

Wer Halme ausreisst, um vorzeitig zu ernten, verhindert das Reifen der Frucht. Bildungsprozesse benötigen Zeit, gute Weile: Schüler lernen mehr, wenn sie sich (z.B. im Projektunterricht) intensiv und länger mit Stoffen und Aufgaben beschäftigen, ohne ständig durch Fach- und Themenwechsel abgelenkt zu werden. Schule muss auch Ort der Musse, der «Langsamkeit» sein, mit Zeiten der Stille, mit Pausen, verweilendem Üben und sicherndem Wiederholen.

Die Schule hat noch nicht spezielle berufliche Fertigkeiten zu vermitteln; eine umfassende in Musse erfolgende Bildung bereitet eine lebenskräftige Grundlage vor für Qualifikationen und Qualitäten, die später in Lehre, Studium und Beruf entfaltet werden müssen.

Von Angesicht zu Angesicht

Wer erziehen und bilden will, muss sich selber erziehen und sich fortbilden. Vorbilder sind entscheidend. Auswahl, Grundausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte können nicht ernst genug genommen werden. Erwachsenen- und  Elternbildung sind Teil des gesamten kulturellen Lebens.

Bildung erfolgt von Angesicht zu Angesicht; das persönliche Vorbild, überzeugende Anregung, «Erweckung» sind entscheidend. Das wichtigste Medium ist der Mensch selber.

Zum Beispiel Musik

Im persönlichen Dasein wie im Zusammenleben mit unseren Mitmenschen brauchen wir viele körperliche, seelische und geistige Fähigkeiten, die gezielt durch angebliche «Nebenfächer» entwickelt werden. Am Beispiel der Musik sei dies veranschaulicht:

Breit angelegte Versuche und Erfahrungen haben gezeigt, dass erweiterter Musikunterricht - auf Kosten von «Hauptfächern» - die schulischen Leistungen insgesamt keineswegs beeinträchtigt, im Gegenteil. Musizieren und Tanzen schulen in hervorragender Weise die Phantasie (Vorstellungskraft) und das Hören und Eingehen auf den andern, also die Fähigkeit zur Zusammenarbeit. Musikschulen machen den Musikunterricht in der Schule, der allen Schülern zugute kommt, keineswegs überflüssig, sondern ergänzen ihn.

Singen, Bewegung zur Musik, Musikkunde, Chorgesang und gemeinsames Musizieren in Gruppen und im Orchester fördern in ebenso vielseitiger wie nachhaltiger Weise das Hören, das Eingehen auf den andern.  Sie dienen überdies auch der sogenannten Intelligenz: Sie schulen Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit, Beharrlichkeit, das Denken in Strukturen und Zusammenhängen.

Die Schule weiterentwickeln - wir sind alle betroffen

Ziele, Inhalte und Formen der Bildung gehen alle an: die Schüler, deren Eltern, Staat und Wirtschaft, auch unsere Umwelt. Die im Manifest formulierten Leitideen für eine Weiterentwicklung und neue Ausrichtung unserer Schulen werden von vielen Betroffenen (Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrkräften, Schulbehörden und Fachleuten) seit Jahren schon gefordert. 

Wir brauchen

-   ein intensives Wahrnehmen und sinnenhaftes Erleben und Aufnehmen der Wirklichkeit in ihrem     Reichtum von Formen, Farben und Klängen;

-   gemüthafte Verbindung mit allem, was uns begegnet und betrifft; «herzliche», mitmenschliche Anteilnahme,     Fähigkeit zur Zusammenarbeit;

-   ganzheitliches Erfassen von Strukturen, sinnvolles Vernetzen von Zusammenhängen;

-   einen geschulten Verstand, aber ebenso unentbehrlich sind Intuition, Kreativität, Einfallsreichtum     (Phantasie) und Beweglichkeit sowie die Fähigkeit, Probleme originell zu lösen.

Die letztgenannten Qualitäten, in beträchtlichem Ausmass mit der rechten Hirnhälfte verbunden, lassen sich bei entsprechender Gestaltung des Unterrichts in allen Fächern fördern. Solche den Verstand und die technische Intelligenz ergänzenden Kräfte können in den fälschlicherweise so genannten «Nebenfächern» natürlich, anregend und oft auch in spielerischer Weise entwickelt und herangebildet werden.

In der Schule «für das Leben lernen» heisst, alle Fähigkeiten entwickeln, die helfen, das Dasein sinnvoll und lebenswert zu gestalten. «Kopf, Herz und Hand», und damit auch beide Hirnhälften, sind gleichwertig auszubilden. Die Unterscheidung in Haupt- und Nebenfächer ist sachlich überholt.

Musizieren, Zeichnen, Werken, Freies Gestalten, Turnen, Rhythmik, Tanz, Theater sind unentbehrliche Elemente einer ganzheitlichen Bildung. Sie müssen deshalb im gesamten Stoffprogramm berücksichtigt und angemessen im Stundenplan eingebaut werden. Letztlich trägt dies auch zu einem lebendigen kulturellen Leben und zur wirtschaftlichen Entwicklung bei.

Der Text dieses Manifests stammt von Leonhard Jost und mir.